1100 Jahre österreichische und europäische Geschichte in Urkunden und Dokumenten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1949)

1100 Jahre österreichische und Europäische Geschichte - Transkriptionen und Erläuterungen

Umfang jetzt vor / uns. Von dem Moment kannst Du meinen tiefen Schmerz wohl nachfühlen als ich Bl 4' nun erkennen mußte, daß der Fürst nicht mit mir gehn wollte. Es begann nun eine entsetzliche Zeit für mich. Während die Erlasse berathen wurden, versuchte er allerhand anderes hineinzubringen und ärgerte die Minister fortdauernd. Als er endlich die 2 Erlasse zur Unterschrift brachte, erklärte er mir er sei vollkommen dagegen sie würden zum Unheil und Verderben des Vaterlandes ausschlagen und er rathe ab. Wenn ich sie dennoch unterschriebe, so werde er nur solange diese Politik mitmachen, wie er es mit seinen Ansichten vereinbaren könne, ginge das nicht so werde er gehn. Die Erlasse wurden ver­öffentlicht und der enorme Erfolg, den sie hatten belehrte den vollkommen überraschten Fürsten, daß er völlig auf einem Holzwege gewesen, daß seine ganze Opposition nutzlos und ich im Recht gewesen sei. Es kamen nun die Vorbereitungen zur Einladung der Conferenz, die Berufung des Staatsraths unter meinem Vorsitz. Er begann zugleich einen kleinen nicht immer mit ehrlichen Mitteln geführten Coulißen- krieg gegen mich, der mich auf das bitterste betrübte, den ich aber ruhig hinnahm, / Mich auf denselben Bl 4 einzulassen war ich einerseitz zu stolz, andererseits liebte ich den von mir angebeteten Mann zu sehr noch! Bald jedoch mehrten sich die Conflikte an allen Orten. Er hinderte plötzlich die Minister am Immediat- vortrag bei mir durch hervorziehn einer 30 Jahr lang vergrabenen unbekannten Ordre. Er nahm den Reichs-Staatssekretairen alle Arbeiten fort und wollte Alles selbst machen und gegenzeichnen. Dabei ging seine Gesundheit von Woche zu Woche zurück, er konnte nicht mehr schlafen seine Nerven gaben nach. Er bekam Weinkrämpfe in den Nächten und zuweilen auch beim Vortrag. Sein Arzt erklärte falls diese Lage noch 3 Wochen weiter anhielte würde der Fürst an einem Gehirnschlage sterben! Endlich gegen Ende Februar erklärte mir der Fürst in einem Vortrage, er könne es mit seinen Nerven und seiner Gesundheit nicht länger machen und bäte um theilweise Entlastung von den Geschäften. Ich bat ihn mir ganz nach seinem Willen und Wunsch Vorschläge zu machen, da ich auch nur den Schein vermeiden wollte als schicke ich ihn fort, oder sehne mich nach seinem Abgang. Nach längeren Verhandlungen kam er mit dem Chef meines Zivilkabinets, den er sich dazu ausgesucht hatte dahin überein, daß er das Präsidium Bl 5r des Staatsministeriums abgeben wrollte und blos den Kanzler und das Auswärtige zu behalten wünsche. Nach einigen Wochen wolle er das dann auch abgeben und um den 20. Februar oder Anfang März ganz ausscheiden. Schweren Herzens willigte ich in seine Vorschläge ein, und wurde demgemäß eine Ordre nach seinen Angaben verfaßt und bis auf das Datum, welches er sich zu bestimmen Vorbehalten, fertigge­stellt. Er selbst sprach sich mir mit dieser Lösung völlig zufrieden aus und erklärte mir er werde diese Thatsache dem Ministerrath nunmehr mitteilen. 2 Tage darauf kam er zum Vortrag und erklärte mir mit kurzen Worten zu meinem größten Erstaunen, er dächte gar nicht daran zu gehn, er bleibe! Als Grund gab er, auf meine verwunderte Frage an, das Staatsministerium habe ihn bei seiner Abgangsmittheilung nicht sofort gebeten unter allen Umständen zu bleiben und hätten die Herren „zu vergnügte Gesichter" darüber gemacht. Daraus habe er geschlossen die Herren wollten ihn los sein, und da habe sich der alte Geist des Widerspruchs in ihm geregt, und er werde nun bestimmt bleiben ,,blos um die Minister zu ärgern"'! So schloß er, Ich konnte nur / erwidern, ich freute mich sehr ihn noch ferner an meiner Seite zu Bl 5' wissen, hoffte aber, daß die zunehmende Last der Arbeit und Aufregung seiner Gesundheit keinen Schaden zufügen möge. Von diesem Tage an ging nun der Kampf los. In jedem Vortrag suchte der Fürst das Mini­sterium zu diskreditiren; die Herren, die er sich selbst vor 12 Jahren ausgesucht und herangebildet hatte, beschimpfte er in der gröbsten Weise, und versuchte mich zu einer Massenentlassung zu zwingen, worauf ich nicht einging. Es näherte sich die Zeit der Conferenz deren Zustandekommen er mit allen Mitteln der Diplomatie zu hintertreiben suchte. Als erst die Sitzungen des Staatsrathes glänzend verliefen, die Resultate derselben auch schlagend bewiesen, daß ich mit meiner obenerwähnten Denkschrift und ihren Punkten das Richtige getroffen, da übermannte ihn die Eifersucht, auf seinen armen jungen Kaiser und er beschloß dessen Erfolg zu zerstören! Er versuchte zunächst einzelne Diplomaten hinter meinem Rücken zu bestimmen nach Hause gegen die Conferenz zu berichten und schließlich versuchte er den Schweizer zu bereden die Berner Regierung zu ersuchen ihre Conferenz nicht zu meinen Gunsten auf­zugeben, damit meine Conferenz durchfallen möge. Der Schweizer ein braver, ehrlicher Kerl — der zufälliger Weise ein guter Bekannter von mir ist — empört über ein solch heimtückisches unpatrio­tisches Benehmen gegen den Deutschen Kaiser, telegraphirte / umgehend an die Berner Regierung, Bl 6' wenn binnen 12 Stunden nicht die offizielle Absage der Schweizer Conferenz in seinen Händen sei, dann nähme er seinen Abschied, aber er werde sagen auch warum. Am andern Morgen war die gewünschte Anzeige da und meine Conferenz war gerettet! Als dieser Plan fehlgeschlagen warf sich der Fürst auf einen anderen. Der neue Reichstag war gewählt, er war entrüstet über die Wahlen und wollte ihn sobald als möglich sprengen, Dazu sollte das Sozialistengesetz wieder herhalten. Er schlug mir vor ein neues noch verschärftes Sozialistengesetz einzubringen, das werde der Reichstag ablehnen, dann werde er ihn auflösen, Das Volk sei schon aufgeregt die Sozialisten würden aus Arger Putsche machen es würde zu revolutionären Auftritten kommen und dann sollte ich ordentlich dazwischen Schießen und Kanonen und Gewehre spielen lassen. Darüber —das war seine heimliche Absicht — wäre Conferenz und Arbeiter­schutzgesetz natürlich verlorengegangen und als Wahlmanöver oder Utopie für lange unmöglich. Ich 105

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