1100 Jahre österreichische und europäische Geschichte in Urkunden und Dokumenten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1949)
1100 Jahre österreichische und Europäische Geschichte - Transkriptionen und Erläuterungen
ging hierauf nicht ein, sondern erklärte runde heraus, daß das ein unmöglicher Rath sei einem jungen eben anfangenden König — der unter allerhand Verdacht stehe — zu geben, die Bitten und Wünsche seiner Arbeiterunterthanen mit Schnellfeuer und Kartätschen zu beantworten. Darüber wurde er sehr / Bl 6V zornig. Erklärte zum Schießen müßte es doch kommen und daher je eher desto besser, und wenn ich nicht wollte, dann gäbe er seinen Abschied hiemit. Da war ich nun wieder vor einer Krise! Ich ließ mir die Führer der Kartellpartheien kommen und stellte ihnen die Frage, ob ich ein Sozialistengesetz ein- bringen und den Reichstag sprengen sollte oder nicht. Einstimmig erklärten sie sich dagegen. Sie sagten die Erlasse, der Staatsrath wirkten bereits beruhigend, ebenso werde es die Conferenz. Von Putschen oder Revolutionären Bewegungen sei keine Rede und die Arbeiterschutzgesetzgebung werde spielend durch den Reichstag durchgehen und wenn man ihm nicht allzuschwere Vorlagen bringe werde er sich ganz vernünftig machen. Sie ermächtigten mich dies als ihrer Wähler Meinung dem Fürsten mitzutheilen und ihn zu warnen vor jeder Brusquirung mit Sozialistengesetzvorlagen, da er auch nicht eine Stimme dafür erhalten werde. Der Fürst kam und sorgenvoll ob des Ausgangs der Unterredung eröflfnete ich ihm, daß ich nicht auf den Wunsch das Gesetz einzubringen eingehn könne. Darauf erklärte er, ihm liege an der ganzen Geschichte nichts! und wenn ich das Gesetz nicht einbringen wolle, sei es damit abgethan! Es war ihm seine ganze Stellung, die er noch vor wenigen Tagen mir gegenüber in dieser Sache eingenommen hatte aus dem Gedächtniß entschwunden! Und eine Angelegenheit, wegen der er die Minister, mich 151 7r und die Regierungsparteien über 4 Wochen in der größten Aufregung / gehalten, wegen welcher er Minister hatte stürzen und Conflikter herauf beschwören wollen, ließ er wie eine Lappalie fallen! Durch diese Machinationen und Intriguen, Reibereien und Auseinandersetzungen auf allen möglichen Gebieten, auch durch das Fehlschlagen seiner kleinen „Embuscaden“, wrar aber der Fürst in einen Zustand der Aufregung gerathen, der seines Gleichen nicht kannte. Zornausbrüche, Grobheiten der schwersten Art mußten sich die Minister von ihm gefallen lassen; bis sie sich weiter zu arbeiten weigerten. Die Geschäfte stockten und häuften sich, nichts wurde mehr erledigt kein Projekt von noch so großer Dringlichkeit konnte mir vorgelegt werden, da der Immediatvortrag — N. B. hinter meinem Rücken— den Ministern verboten war. Alles mußte ihm vorgelegt werden, und was er nicht haben wollte wieß er einfach zurück und ließ es nicht bis zu mir dringen. Es entstand eine allgemeine Unzufriedenheit in den Beamtenkreisen, die auch bis in die parlamentarischen hineinreichte. Dazu erhielt ich durch meinen Leibarzt die Kunde Bl 7' von der großen Besorgniß seines Arztes, daß der Fürst in einem solchen Zustand / sei, daß er in Kurzem einem totalen Zusammenbruch entgegengehe, der mit Nervenfieber und Gehirnschlag ende! Alle meine Versuche auf irgend eine Weise durch größere Theilnahme an den Geschäften dem Fürsten Erleichterung x) zu verschaffen faßte er als Versuche ihn hinauszudrängen auf. Herren und Räthe, die ich kommen ließ um mit ihnen Angelegenheiten zu besprechen, fielen deßwegen bei ihm in Ungnade und standen unter dem Verdacht gegen ihn zu intriguiren bei mir! Endlich kam es zum Klappen die aufgespeicherte Elektrizität entlud sich auf mein „schuldig Haupt“. Der Fürst von Kampfeslust beseelt und von den obenangeführten Motiven geleitet bereitete im Stillen und zum Entsetzen der Eingeweihten, trotz meiner gegentheiligen Befehle, eine Kampagne gegen den neuen Reichstag vor. Alle sollten geärgert und geprügelt werden. Erst die Kartellparteien abgetrumpft und dann die Sozialisten gereitzt werden bis der ganze Reichstag in die Luft flog und S. M. nun doch gezwungen werden nolens, volens zu schießen! Dazu kam die von dem Juden Bleichröder inszenirte Entrevüe mit Windhorst, die einen Sturm der Bl 8’ Entrüstung im Vaterlande losließ, und die offiziös mit einem Mysterium umgeben / wurde, welches auf Alles mögliche schließen ließ. Noch dazu suchte man den Schein zu wecken als ob ich darum gewußt und sie gebilligt hätte. Während ich die Thatsache erst 3 Tage später durch die Zeitungen und bestürzten Anfragen, die ich von allen Seiten erhielt erfuhr. Als ich am 3. Tage nach dieser Affaire, die immer weitere Kreise schlug und für den Fürsten anfing ein recht unangenehmes Gesicht zu bekommen, mit ihm Zusammenkunft hatte, brachte er die Sprache auf den Windhorstschen Besuch und stellte ihn so dar als ob derselbe ihm quasi in seinem'Vorzimmer unvermuthet erschienen und ihn überrascht habe. Ich hatte jedoch bestimmt erfahren, daß Bleichröeder ihm diese Entrevüe mit seinem Einverständniß arran- girt hatte. Als ich dies dem Fürsten sagte und ihn bat er möge mich doch durch irgend ein Billet oder mündliche Mittheilung seines Sekretairs über eine solche wichtige Angelegenheit orientiren brach der Sturm los! Aller Höflichkeit und Rücksicht bar sagte er mir er ließe sich nicht von mir am Gängelbande führen so was verbäte er sich ein für alle mal von mir, ich hätte vom parlamentarischen Leben keine Ahnung, ich hätte ihm in solchen Dingen überhaupt nichts zu befehlen etc etc. Als er sich endlich ausgetobt, Bl 8' versuchte ich ihm klar zu machen, / daß es sich nicht um Befehle hier handle, sondern, daß mir daran läge über solche wichtige Schritte — welche für mich eventuell bindende Entschließungen, denen ich mich nicht entziehen könnte, — zur Folge hätten, nicht hinterher durch die Presse orientirt zu werden, sondern das von ihm zu hören, damit ich mir danach doch meinen Vers machen könne. Allein das half nichts. Als ich ihm nun schilderte, was für eine Aufstörung und Verwirrung durch diesen Besuch in dem von den Wahlen noch erregten Volk gemacht habe, und daß das doch nicht seine Absicht sei, da entschlüpfte 3) verbessert aus erleichterimg. 106