Folia Theologica 22. (2011)
Fonk Peter: Erbschuld - Sühne - Gnade. Warum Kinder nicht für die Verbrechen ihre Väter verantwortlich sind
ERBSCHULD - SÜHNE - GNADE 161 IV. Das theologische Thema der Moraltheologie Der Mensch, um dessen Leben es geht, kann nämlich, das zeigt sich immer wieder aufs neue, aus eigener Kraft gar nicht all das tun, was er - ethisch gesehen - soll und anthropologisch betrachtet im Innersten seines Herzens eigentlich will. Wo Menschen in ihrem Leben am eigenem Ungenügen, am Mißtrauen und an der Angst scheitern, erleben sie die Wirklichkeit dessen, was die theologische Rede von der Erbsünde besagt. Schlimmer noch als die Angst vor dem Tode lastet auf manchen die Unfähigkeit zu leben. So betrachtet hält die Lehre von der Erbsünde ganz sicher jener Frage stand, die als kritischer Maßstab zur Überprüfung an jede Aussage anzulegen ist, die den Status einer legitimen theologischen Aussage beansprucht. Die erste und grundlegende Frage, von deren Beantwortung die Glaubwürdigkeit aller weiteren theologischen Rede abhängt, lautet: Was hat diese theologische Bekenntnisaussage mit meinem Leben zu tun? Anders gesprochen: Wo kommt die Erfahrung von Erbsünde in meinem Leben vor? Es ist die Erfahrung, daß unser Leben von den Bedingungen eines Anfangs bestimmt ist, dessen Wirkmächtigkeit wir fatalerweise darin wahrnehmen, daß dieser Anfang als der uns entzogene nicht nur unsere gegenwärtigen, sondern auch unsere zukünftigen Existenzmöglichkeiten entscheidend bestimmt. Denn das Ursprüngliche ist uns entzogen, und mit ihm jene erste Freiheit, die per definitionem anderer Art ist als die uns jetzt zugängliche Freiheit, die in einem eingeschränkten, geminderten, in einem kreatürlichen Sinne einen Widerschein jener ursprünglichen Freiheit darbietet. Diese kreatürliche Freiheit ist es, die als Folge der Erbsünde die Ausgangsbedingungen unserer Existenz unter das doppelte Vorzeichen sowohl des Gelingens wie des Scheiterns stellt. Es ist diese Sicht der Erbsünde, die den anthropologischen Pessimismus Augustins, den von ihm formulierten resignativen Indikativ, die Menschheit werde aufgrund der Sünde Adams zu einer Masse der Verdammten (bzw. Masse des Verderbens)13, umkehrt in eine von Hoffnung erfüllte Betrachtung menschlicher Existenz. Diese gewinnt ihre Berechtigung 13 Aurelius Augustinus, De correptione et gratia (PL XLIV. 915 - 946): 7, 12.