Folia Theologica 22. (2011)

Fonk Peter: Erbschuld - Sühne - Gnade. Warum Kinder nicht für die Verbrechen ihre Väter verantwortlich sind

156 Peter FŐNK wer sündigt, soll sterben."4 Es sind die Worte des Propheten Ezechiel, die auch die Berliner Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan in ihrem faszinie­renden Buch mit dem Titel „Politik und Schuld" zum uralten Menschheits­thema von Schuld und Verantwortung wieder aufgreift. Die Ausgangsthese von Gesine Schwan lautet: „Moralische Schuld vererbt sich nicht."5 Als biblische Belegstelle für ihre These greift sie ebenfalls ein Wort Ezechiels auf, den sie aus demselben Kapitel wie Bormann - nur we­nige Sätze später - zitiert: „(...) wer sündigt, der soll sterben. Aber der Sohn soll nicht die Schuld des Vaters tragen und der Vater nicht die Schuld seines Sohnes tragen."(Ez 18,20). Diese sehr pointiert formulierte These könnte die Vermutung na­helegen, die Verfasserin wolle der christlichen Lehre von der Erbsünde endgültig den Abschied erteilen. Doch schon der nächste Satz macht deutlich, daß das keineswegs ihre Absicht ist, denn sie fährt fort: „(...) aber die psychischen und moralischen Folgen ihres Beschweigens (der moralischen Schuld, Ergänzung d. Verf.) beschädigen noch die folgen­den Generationen und den Grundkonsens einer Demokratie."6 II. Ergebnis der bisherigen Überlegungen Zweifellos ist es als Fortschritt zu werten, daß die personale Zurech­nung der sittlichen Fehlhandlung als Schuld erst dann erfolgt, wenn dem subjektiv auch ein Unrechtsbewußtsein entspricht. Aber zugleich birgt die Verlegung der Schuld in das subjektive Bewußtsein, zumal wenn sie ausschließlich wird, auch eine Gefahr. Es verblaßt das Bewußtsein gegenseitiger Abhängigkeit und Verbundenheit der Menschen in ihren Fehlhandlungen, weil jeder nur noch für seine eigene Tat steht. Am En­de wäre nur noch der schuldig, der sich subjektiv auch schuldig fühlt, ganz gleich, ob er andere verletzt hat oder diese unter ihm leiden mö­gen. Wenn wir Schuld nur noch als ein rein individuelles Phänomen betrachten und unsere gegenseitige Abhängigkeit und Angewiesen­heit in ihr ausblenden, banalisieren wir sie letztendlich. Die recht ver­4 Ez 18,2-4; par Jer 31,29 f; Zit. Bormann, M., Leben gegen Schatten, 200. 5 Schwan, G., Politik und Schuld. Die zerstörerische Macht des Schweigens, Frank­furt am Main 1997. 17. 6 Ebd.

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