Folia Theologica 22. (2011)

Fonk Peter: Erbschuld - Sühne - Gnade. Warum Kinder nicht für die Verbrechen ihre Väter verantwortlich sind

ERBSCHULD - SÜHNE - GNADE 155 Identität, oft unter Brüchen und schmerzhaften Abschieden vollzogen, bietet den Gesamtentwurf einer bis in die Wurzeln bedachten Lebens­geschichte. Entscheidende Wendepunkte in dieser Lebensgeschichte stellen den Verfasser vor die Frage, in welcher Weise Kinder von der Schuld ihrer Eltern, die sie unbewußt auf sich selbst übertragen und auf der dunklen Seite ihrer Seele abgelegt haben, betroffen sind und dafür Verantwortung übernehmen müssen. Mit Blick auf die Person seines Vaters trägt Martin Bormann seine feste Überzeugung vor, daß Kinder zwar oftmals an der Schuld ihrer Eltern tragen und selten der seelischen Belastung durch Trauer und Scham entkommen können, dennoch die Kinder kaum jemals verantwortlich zu machen sind für die moralische Schuld ihrer Eltern2. Dasselbe gilt umgekehrt genauso: Auch die Kinder sind von einem bestimmten Zeitpunkt an für ihr Tun oder Nichttun selbst verantwortlich und können sich nicht als stete Dauerentschuldigung auf Erziehungsfehler ihrer Eltern berufen3. Welche Auswirkung hat aber diese Einsicht für das eigene Leben, vor allem aber für den Weg in den Orden und zum Priestertum gehabt? Martin Bormann gibt zu, daß es eine Zeit in seinem Leben gab, in der der Gedanke stellvertretender Sühne für die Schuld des Vaters den Entschluß zum Eintritt in die Ordensgemeinschaft stark beein­flußte. Ihm, dem Theologen, wurde während seines Studiums aber zunehmend klar, daß die Erlösungstat Jesu Christi ein für allemal ge­nügt und keiner Ergänzung mehr bedarf. Die Praxis einer Sippenhaft, deren Opfer er auf sublime Weise mehrmals in seinem Leben wurde, erweist sich von daher nicht nur als moralisch völlig unsinnig, sondern als zutiefst unbiblisch und deshalb von ihrer Voraussetzung her mit dem christlichen Glauben unvereinbar. Die Wahrheit solcher Erkenntnis wirkt befreiend. Aus der Sicht Martin Bormanns verdichtet sie sich zu einer äußersten Sinnspitze in einem Wort des Propheten Ezechiel, das sich übrigens in einer Parallele auch beim Propheten Jeremia findet: 'Wie kommt ihr dazu, im Land Israel das Sprichwort zu gebrauchen: Die Väter essen saure Trauben, und den Söhnen werden die Zähne stumpf? So wahr ich lebe - Spruch Gottes, des Herrn -, keiner von euch in Israel soll mehr dieses Sprichwort gebrauchen. Alle Menschen sind mein Eigentum, das Le­ben des Vaters ebenso wie das Leben des Sohnes, sie gehören mir. Nur 2 Ebd. 78. 3 Ebd.

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