Folia Theologica 22. (2011)

Török Csaba: Inkulturation. Möglichkeiten und Grenzen eines Paradigmas II.

INKULTURATION 133 niziert. Selbst die intimsten Gedanken, die stillsten Gebete unseres Herzens sind von unserer Kultur beeinflusst. Sie hat uns die Katego­rien, das logische System unseres Denkens, die Begriffe und die Worte, die Symbole und auch die in der Tiefe unserer Psyche ganz unbewusst und unkontrolliert wirkenden Archetypen überliefert.5 Ich lebe als menschliche Person dank der Kultur, und in jedem Moment meines Daseins bin ich von ihr durchdrungen.6 Wenn es eine kulturunabhängige Begründung unseres Glaubens, universale und abstrakte Verhaltensnormen und Wahrheiten gibt, sind sie uns nicht als kulturunabhängige zugänglich, nicht einmal in der Kirche - wenn wir sie irgendwie erkennen, wahrnehmen und reflek­tieren können, geschieht dies in der Kraft unserer kulturellen Be­stimmtheit. Die letzte Wahrheit, die Christus ist, steht weit über den 5 J. Lacan behauptet, dass das Unbewusste des Menschen sich als eine Spra­che organisiert und konstituiert; siehe Carrier, H., Lengua y cultura, in Dic- cionario, 305-318, 315. 6 B. L. Whorf formuliert das „linguistische Relativitätsprinzip", das auf der Sprachtheorie E. Sapirs beruht: „Aus der Tatsache der Strukturverschieden­heit der Sprachen folgt, was ich das »linguistische Relativitätsprinzip« ge­nannt habe. Es besagt, grob gesprochen, folgendes: Menschen, die Sprachen mit sehr verschiedenen Grammatiken benützen, werden durch diese Gram­matiken zu typisch verschiedenen Beobachtungen und verschiedenen Be­wertungen äußerlich ähnlicher Beobachtungen geführt. Sie sind daher als Beobachter einander nicht äquivalent, sondern gelangen zu irgendwie ver­schiedenen Ansichten von der Welt." Whorf, B. L., Sprache, Denken, Wirklich­keit, Reinbek bei Hamburg 1991. 20. Zur Kommunikation muss man einen gemeinsamen Nenner mit der Sprache des anderen finden. Warum diese sprachtheoretische Frage die kulturelle Diskussion markiert, wird von U. Eco erklärt. Das kulturelle System ist von der sprachlichen Struktur be­stimmt und besteht aus solchen kulturellen Einheiten, die zu Wortzeichen gehören, die die Wirklichkeit auf semantische Felder aufteilen. Die kultur­spezifische Struktur entsteht durch das Sprachsystem, das gleichzeitig die Grenzen einer Kultur festlegt. Siehe Eco, U., Welt als Text - Text als Welt in Eco, U., Streit der Interpretationen, Konstanz 1987. Zum Thema siehe noch Gipper, H., Gibt es ein sprachliches Relativitätsprinzip? Untersuchung zur Sapir- Whorf-Hypothese, Frankfurt am Main 1972. Glasersfeld, E. von, „Was im Kopf eines anderen vorgeht, können wir nie wissen." Über Wahrheit und Viabilität, Sprache und Erkenntnis und die Prämissen einer konstruktivistischen Pädagogik, in Pörksen, B. (Hrsg.), Abschied vom Absoluten. Gespräche zum Konstrukti­vismus, Heidelberg 2001. 46-69. Sapir, E., Die Sprache: Form und Sprache, in Hoffmann, L. (Hrsg.), Sprachwissenschaft. Ein Reader, Berlin - New York 1996. 426-443.

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