Folia Theologica 19. (2008)
Puskás Attila: Die Läuterung nach dem Tod - Neue Gesichtspunkte in der Enzyklika "Spe salvi" von Papst Benedikt XVI.
262 PUSKÁS, Attila Gegenwart, die die Zeit der veränderlichen Welt erschafft und umfasst. Ratzinger deutet die Definition der aeternitas des Boethius ebenfalls in dieser Perspektive. Die Bestimmung „interminabilis vitae tota simul et perfecta possessio", der „ganz gleichzeitige und vollkommene Besitz des unbegrenzten Lebens", sagt gleichzeitig die Dauer des Seins Gottes ohne Anfang und Ende aus (duratio), seine Dynamik (vita) und seine vollkommene Einheit (tota simul et perfecta possessio), die wirkliche Gegenwart seiner selbst, die frei von jeglichem Aufeinander ist. Bereits das Alte Testament hat die Ewigkeit Gottes nicht als Punkt ohne Ausdehnung gedacht, sondern als Leben ohne Anfang und Ende, das eine Dauer hat, die mit der physikalischen Zeit nicht gemessen werden kann. Das Leben der dialogisch-trialogischen Liebe in Gott kennt keinen Anfang und kein Ende, keine Änderung, keinen Verlust und keine Vermehrung. Es gibt darin nichts, was zu Vergangenheit werden könnte oder noch Zukunft hätte. Von diesem Gesichtspunkt aus steht sie in jeglicher Hinsicht über der geschöpflichen Zeit. Das bedeutet aber noch nicht, dass diese ewige Gegenwart des dreifältigen Lebens ohne Ausdehnung und Dauer wäre. Gott ist Herr über die Zeit, er steht über allen Veränderungen, aber er kann in der von ihm geschaffenen Zeit gegenwärtig sein und handeln.50 Wenn Gottes Ewig50 Nach der Formulierung von Walter Kasper: „Gott ist so zeitüberlegen, dass er auch in der Zeit nochmals von der Zeit frei ist. Er schließt alle Zeit mit ein und koexistiert mit jedem Zeitpunkt, ohne doch von einem von ihnen begrenzt zu werden." Kasper, W., Glaube und Geschichte, Mainz 1970, 84 f. So wie die Beziehung zwischen Gott und der Welt gleichzeitig durch Transzendenz und Immanenz charakterisiert ist - Gott unterscheidet sich wesentlich von der Welt, doch genau dieser Unterschied macht ihm seine Gegenwart in der Welt möglich -, so gilt das auch für das Verhältnis zwischen Ewigkeit und Zeit: das ewige Sein Gottes steht über der Zeit (Überzeitlichkeit), doch gleichzeitig umfasst es sie und ist in ihr gegenwärtig (In- und Mitzeitlichkeit). Das Zeugnis der Heiligen Schrift über die Geschichte vom Bund des ewigen Gottes mit dem zeitlichen Menschen setzt genau dieses Verhältnis voraus und beschreibt es. Gott kann mit den Menschen in der Zeit sein, ohne dass seine Ewigkeit beschädigt wird, er ist gegenwärtig und handelt in der Geschichte des Bundespartners. Eben diese seine Gegenwart und sein Heilswirken formen die physikalisch messbare neutrale, Kronos-Zeit um zu einer Zeit, die die Qualität von Vollkommenheit gewinnt, und so zu Kairos-Zeit wird, zur zeitlichen Gegenwart der Heilsnähe Gottes. Der Höhepunkt dieses Bundes ist Jesus Christus, in dem Gott persönlich gegenwärtig ist und in der Zeit handelt, und der innerzeitliche Mensch am ewigen Leben Gottes Anteil hat.