Folia Theologica 19. (2008)

Puskás Attila: Die Läuterung nach dem Tod - Neue Gesichtspunkte in der Enzyklika "Spe salvi" von Papst Benedikt XVI.

DIE LÄUTERUNG NACH DEM TOD 263 keit das intensivste Geistleben ist, welches Gegenwart ist, die keine Veränderung kennt und Dauer (duratio), die keine mit physikalischen Maßen messbare Grenzen hat, dann muss es auch nicht sein, dass die Vollendung des Menschen nach dem Tod als geschöpfliche Anteilnah­me am ewigen Leben Gottes einen Zustand ohne Dauer und Ausdeh­nung bedeutet. Zwischen der irdischen Zeit des Menschen, seiner ver­klärten Zeit nach dem Tod und der Ewigkeit Gottes müssen wir nicht eine reine Unvereinbarkeit annehmen, sondern viel eher eine entspre­chende Analogie. Wir können die Auffassung Ratzingers über die „memoria-Zeit" bzw. über die „Zeit des Herzens" wieder mit ein paar Überlegungen weiter­denken. Hier auf Erden braucht der Mensch für jeden geistigen Akt auf­grund seiner Gebundenheit an das Materielle ein bestimmtes Ausmaß von physikalischer Zeit. Das geistige Handeln, das das Gedächtnis, das Warten und die aufmerksame Wahrnehmung miteinander verbindet, vollzieht sich während einer Zeitdauer, die physikalisch objektiv mess­bar ist. Doch gleichzeitig können wir von dieser äußeren und objektiven physikalischen Zeitdauer auch eine Zeitdauer unterscheiden, die inner­lich durchlebt und gemessen wird. Im Laufe unseres selbstbewussten Seins nehmen wir unsere eigenen geistigen Akte nacheinander wahr, ihre Veränderungen und ihre Dauer. So verfügen wir unabhängig von der Wahrnehmung der äußeren physikalischen Veränderungen oder der biologischen Prozesse unseres eigenen Körpers auch über ein in­neres Zeitgefühl. Das Zeichen für diese relative Unabhängigkeit ist, dass wir die objektiv gleiche physikalische Zeitdauer qualitativ vielfältig und davon abhängig in verschiedener Länge durchleben. Dieses innere Zeiterlebnis hängt von vielem ab: von der Intensität unserer geistigen Aktivität, von der Stärke der Aufmerksamkeit und des Wartens, von der Erfahrungsqualität der Ereignisse, die mit uns geschehen und die wir er­leben. Manchmal empfinden wir, dass die Zeit sich dahinzieht, und ein anderes Mal, dass sie nur so dahinfliegt. Vor allem unsere Begegnungen mit anderen Personen, die positive oder negative Erfahrung der Beziehung mit ihnen, geben der von uns gelebten Zeit Qualität, machen diese leer oder voll, sinnvoll oder absurd, zerstreut oder gesammelt. Die Qualität der durchlebten Zeit hängt entscheidend davon ab, wie wir selbst unsere Erfahrungen im Koordinatensystem von Glaube, Hoff­nung und Liebe einordnen und deuten, wenn diese mit uns geschehen. Je nachdem, wie die Qualität der von uns durchlebten Zeit ist, erleben und empfinden wir deren Dauer jeweils anders.

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