Folia Theologica 19. (2008)
Puskás Attila: Die Läuterung nach dem Tod - Neue Gesichtspunkte in der Enzyklika "Spe salvi" von Papst Benedikt XVI.
DIE LÄUTERUNG NACH DEM TOD 261 Vergangenheit (distentio animi), auf die Gegenwart und auf die Zukunft aus - in der Erinnerung (memoria), in der Betrachtung (contuitus) und im Warten (expectatio) fasst er sie zusammen, er macht das Geschehen in sich selbst gegenwärtig und ermisst ihr Verhältnis untereinander. Durch die einheitsstiftende Kraft seines Geistes und seines Gedächtnisses (memoria) erhebt sich der Mensch über den Prozess der äußeren und unaufhörlichen Veränderungen hinaus und kann er die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft gleichsam in seiner memoria Zusammenhalten. Die so zustandegekommene anthropologische memoria-Zeit kann nicht zurückgeführt werden auf die kos- mologisch-physikalische Zeit, die in sich nur unaufhörlich weitergehendes Aufeinander wäre ohne wirkliche Einheit.48 Nach Ratzinger sind zwar die Maße der physikalischen Zeit nicht auf das Sein des Menschen im Jenseits anzuwenden, die Zeitfähigkeit des menschlichen Geistes aber, also der Zusammenhalt und die Vereinheitlichung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bleiben, ja vervollkommnen sich und werden noch intensiver. Im Anschluss an Augustinus fasst Ratzinger die Ewigkeit Gottes nicht als einen Punkt ohne Ausdehnung auf, sondern als „reine memoria", die die ganze geschaffene Wirklichkeit mit der geschaffenen Zeit umfasst, von der nichts verloren geht und in der es keine Änderung gibt.49 Die Ewigkeit Gottes ist imveränderbares Sein, eine solche ewige 48 Durch all das hindurch ist diese memoria-Zeit nicht die rein innere Wirklichkeit eines geschlossenen Subjektes. Bedeutende Augustinusforscher (Lampey, Berlinger) behaupten, dass der Kirchenvater die memoria selber nicht als isoliertes Selbstbewusstsein gedeutet hat, sondern grundlegend in der Beziehung mit Gott. Bei ihm gründet sich die memoria in der Gottebenbildlichkeit des Menschen, es ist die Fähigkeit, durch die der Mensch mit dem Schöpfergott in Beziehung steht, „sich an ihn erinnert". Das ist nicht identisch mit dem „Cogito ergo sum" des Descartes, sondern ihr Sein kann eher mit dem „Cogitor ergo cogito" widergegeben werden. Mit anderen Worten: Der Mensch denkt sich nicht sich selbst aus, sondern die memoria ist die Fähigkeit, mit deren Hilfe der Mensch sich durch ein transzendentes Du ausgedacht denkt, durch sie hat er ein Bewusstsein. Wenn die memoria im Prinzip relational-dialogisches Selbstbewusstsein ist, bzw. ein Bewusstsein, das sich selbst aus der Gottesbeziehung deutet, dann ist die memoria- Zeit als Dauer, die durch das Selbstbewusstsein des Menschen zu einer Einheit gefasst wird, auch von relational-dialogischer Natur. Vgl. Nachtwei, G., Dialogische Unsterblichkeit, 85. 49 Aurelius Augustinus, Confessiones, XI, 13.