Folia Theologica 19. (2008)
Puskás Attila: Die Läuterung nach dem Tod - Neue Gesichtspunkte in der Enzyklika "Spe salvi" von Papst Benedikt XVI.
222 PUSKÁS, Attila notwendig ist, um zur seligen Schau des heiligen Gottes zu gelangen. Dass es einen Zusammenhang zwischen dem Erreichen des letzten Zieles, der Lebensheiligung und der Notwendigkeit einer Läuterung nach dem Tod gibt, hat sowohl die westliche als auch die östliche Theologie gelehrt. Sie unterscheiden sich darin, woran sie im Zustand nach dem Tod die Läuterung der oben beschriebenen Verstorbenen geknüpft haben. Die östliche Theologie hat aufgrund der Angst vor der Lehre der Apokatastasis im Anschluss an den heiligen Johannes Chrysostomus das Ereignis der Läuterung an das Gericht am Letzten Tag bei der glorreichen Wiederkunft Jesu Christi gebunden. Oft haben sie sich das in der Form vorgestellt, dass dann alle durch das Feuer des Gerichtes gehen müssen, das aber je nach dem moralischen Stand des Menschen verschiedene Wirkungen hat: für die Heiligen ist es erfrischend, für die nicht ganz so Guten läuternd, für die Schlechten bewirkt es ewige Schmach.5 Im Westen bildete sich allmählich die Überzeugung heraus und verfestigte sich dann, dass das individuelle 5 Der hl. Johannes Chrysostomus wies die Idee des reinigenden Feuers zurück, und dieser Standpunkt wurde in der Ostkirche ab dem Ende des IV. Jahrhunderts zum Maßstab. Der vorrangige Grund dieser Ablehnung war, dass sie meinten, in jedem Gedanken, der mit einer jenseitigen Läuterung in Verbindung stand, ein Wiederaufflammen der Lehre von der Apokathasta- sis des Origenes und seiner Schule zu entdecken, die besagte, dass jedes vernünftige Wesen zum Heil gelangen wird. Und diese hatte die Kirche bei mehreren Gelegenheiten entschieden verurteilt (543: Edikt des Kaiser Justinian, DH 403-411), auf universaler Ebene beim II. Konzil von Konstantinopel (553: DH 433). Es schien den Theologen der östlichen Tradition, dass die Idee des reinigenden Feuers notwendigerweise an die bei Clemens und Origenes zu findende Voraussetzung gebunden ist, dass jede Strafe und jedes Gericht ausschließlich heilenden und läuternden Charakter haben kann. Die östliche Theologie denkt über das Sein zwischen dem Tod und der Auferstehung, dass jeder einzelne Mensch in diesem Zwischenzustand des Flades bis zur Wiederkunft Christi in Herrlichkeit bleibt, wenn das Letzte Gericht und die Auferstehung des Leibes stattfinden und das ewige Schicksal für jeden einzelnen beginnt. Nach dieser Betrachtungsweise erreichen also weder die Gerechten noch die Sünder den endgültigen Zustand des Heiles vor dem Letzten Tag. Im Zustand des Hades erfahren die Menschen entsprechend dem Grad der Heiligkeit, die sie auf Erden erreicht haben, verschiedene Stufen von Glück und Not. Vgl. Kakmiris, J. N., Abriß der dogmatischen Lehre der orthodoxen katholischen Kirche, in: Bratsiotis, P., Die orthodoxe Kirche in griechischer Sicht, Stuttgart 1970, 113-117.