Folia Theologica 18. (2007)

Imre Koncsik: Synergetische Hermeneutik - Grundlagen und Perspektiven

92 I. KONCSIK als Systemeigenschaft wirksam ist. Die Vollendung etwa einer visu­ellen Perzeption geschieht durch immer weiter reichende Reso­nanzbildung im Gehirn bzw. durch sequentielles Ablaufen immer neuer nachgeschalteter Ensembles, bis ein Maximum an resonanter Repräsentation erreicht ist. Das Wirken synergetischer Mechanismen bei der Entstehung lebenswichtiger neuronal vermittelter und elektrochemisch ab­laufender Resonanzen versteht sich von selbst: ohne neuronales „Feuern" gibt es kein „Leben" im Gehirn. Für die Einheit der Wahrnehmung im Rahmen der Integration differenter Inputs zu einer konsistenten Szene existiert im Gehirn kein „Flomunculus", keine „Zentrale". Die Vermutung ist berechtigt, dass „ein solcher zentraler Mechanismus wenn auch nicht als Instanz so doch als Netzwerkeigenschaft des neuronalen Gefüges angenommen wer­den muss".22 Das Gehirn arbeitet distributiv durch Selbstorgani­sationsprozesse: ob ein Aktivitätsmuster Spuren in der Architek­tur des Gehirns hinterlassen darf, hängt ebenfalls nicht von einer Bewertungszentrale ab, sondern „ergibt sich aus dem Zusam­menspiel zahlreicher Bewertungsfunktionen".23 Häufig diachron und synchron korreliertes Auftreten von externen Reizungen wird durch die o.g. Modifikationen der neuronalen Architektur ge­speichert24, so dass erst durch die Interaktion mit der Umwelt Wertekategorien entstehen: es gibt keine festen vorgegebenen Be­wertungssysteme auf neuronaler Ebene25. Die Identifikation und (Wieder-)Erkennung von Objekten erfolgt durch Reaktivierung bereits etablierter neuronaler Ensembles, so dass das Gedächtnis eine „erinnerte Gegenwart" ist26: eine adaptiv erfolgreiche dyna­mische Selbststrukturierung neuronaler Antworten wird re-generiert bzw. repetiert. Somit wirken auch hier synergetische Ablaufmuster, dieses mal diachron und transtemporal miteinan­der verschachtelt: aktuelle Synchronisationsmuster überlappen 22 # in: MEIER. H.; PLOOG, D. (Hgg.), Der Mensch und sein Gehirn. Die Fol­gen der Evolution, München 1997, 89 23 SINGER (Anm. ), 62 24 SINGER (Anm. ), 60f 25 EDELMAN (Anm. ), 189 26 EDELMAN (Anm. ), 226

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