Folia Theologica 17. (2006)

Michael-Thomas Liske: Monotheismus bei Plotin

MONOTHEISMUS BEI PLOTIN 157 chen Satzes ist bereits irgendwie das ganze System der Wissen­schaft vorausgesetzt. In der Reihe des Hervorbringens oder Verursachens vom Einen über den Geist zur Seele beobachten wir also eine abnehmende Ein­heit und damit abfallende Vollkommenheit. Ein Seiendes hat die innere Tendenz, etwas ihm Ähnliches hervorzubringen. Dieses kann aber nur ihm nachgeordnet oder von geringerer Vollkommen­heit sein. Da alle Realität der Wirkung von der Ursache kommen muß, kann sie kein Höherrangiges schaffen. Auch ein völlig Gleich­artiges von derselben Vollkommenheit kann es nicht schaffen, das mit ihm identisch sein müßte. Vom philosophisch bedeutsamen Ge­sichtspunkt der Einfachheit und damit untrennbar verbunden der Vollkommenheit, also der ursächlichen Wirkkraft,4 5 ist das Eine im höchsten Maße Gott. Dem entspricht, daß Plotin an ci. neun Stellen das Eine ausdrücklich als Gott bezeichnet und an etwa doppelt so vielen Stellen von 'dem Gott' (ó 0eôç) oder allgemeiner 'Gott' (0eôç) spricht und sich dabei auf das Eine beziehen muß.6 Wenn folglich 4 Zwei wichtige Folgen daraus, daß das Denken des Nous intuitiv ist, sollten wir beachten. 1. Während das diskursive Denken der Seele angesichts der Sukzession der einzelnen Gedankenschritte den Bedingungen der Zeit unter­liegt, kann der Nous wie das Eine in zeitenthobener Ewigkeit das Ganze in ei­nem Moment zugleich präsent haben. 2. Sodann ergibt sich eine Antwort auf folgende Frage: Wenn Plotin annimmt, der Nous denke allein sich selbst, reicht er, die zweite Ftypostase, dann überhaupt an das Denken des obersten Prinzips, also des Einen, heran? Der Gnostiker Valentinus hat dies ausdrück­lich bestritten, daß die aus dem Urgrund hervorgegangenen Äonen diesen zu erkennen vermögen. Oder für Arius ist der (dem Vater nicht wesensgleiche) Logos unfähig, den Vater zu erkennen. Auch für Plotin kann das Eine sicher nicht als es selbst vom Nous (oder gar einer untergeordneten Intelligenz) er­faßt werden. Aber auch bei dem selbst unerfaßlichen Kreismittelpunkt haben wir gesehen, daß er als die ermöglichende Voraussetzung eines Verstehens der Kreislinie implizit in diesem mitgedacht wird. Ähnlich ist das Denken des Einen wohl die ermöglichende Voraussetzung dafür, daß der Nous in der Vielheit seiner intelligiblen Inhalte doch eine einheitliche Ganzheit denken und so in einem Einzelnen intuitiv das Ganze erfassen kann. 5 Hier findet übrigens die negative Theologie ihre Grenzen. Vom Ersten läßt sich zwar sagen, es sei jenseits des Seins, sofern es kein bestimmtes Seiendes in Abgrenzung zu einem anderen ist; aber kaum gilt, es sei jenseits der Ur­sächlichkeit, sondern es wirkt im herausragenden Maße ursächlich. 6 Zu diesen Stellen vgl. Arnou, Désir 131 und 134ff. und erweiternd John M. RIST, Theos and the One in Some Texts of Plotinus, in: Mediaeval Studies 24 (1962), 169-180, v.a. 171-173. Zu Plotins verschiedenen Benennungen des

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