Folia Theologica 17. (2006)

Michael-Thomas Liske: Monotheismus bei Plotin

158 M-TH. LISKE das Eine für Plotin im eigentlichen Sinne Gott ist, dann ist damit nicht ausgeschlossen, daß auch der Geist (voûç) weiterhin göttlich ist. In V 5: 3,3f. sagt er so von dieser Natur (dem voûç), sie sei Gott und zwar zweiter Gott (0eoç Seûxepoç).7 In III 5: 6,17f. spricht er fol­gerichtig vom Kosmos als drittem Gott. Genauer ist nicht die mate­rielle Welt ein Gott, sondern die Weltseele, die den Kosmos ord­nend durchdringt, so wie die Einzelseele den menschlichen Leib beherrscht. Dem entspricht, daß er in III 5: 8,6-11 mit Bezug auf Pla­ton Zeus, der mit königlicher Seele und königlichem Geist das All führt, als dritten Gott ansetzt. Oder in III 9: c.l8 erklärt er in bezug auf den Timaios zunächst den Geist und die Ideenwelt als der Sache nach eines und nur unter den begrifflichen Aspekten als Denken­des und Gedachtes verschieden, so daß der Geist die betrachteten Gegenstände in sich selbst hat (12-15). Sodann erwägt er, ob Platons Demiurg als das die Welt ordnende Prinzip (StavoougEvov) ein wei­teres ist neben Ideen und Geist (23-25). Während der Nous als zwei­ter Gott rein geistig die Ideen betrachtet, ist der Demiurg, der als eine Weltseele die materielle Welt gestaltet, offenbar ein dritter Gott. Numenius, der Plotin nicht unbedeutend beeinflußt hat, spricht ausdrücklich von einem ersten Gott.9 Dies tut Plotin nicht. Aber wenn Plotin von einem zweiten und dritten Gott redet, dann ist fol­gerichtig, daß er auch einen ersten Gott annimmt, den er freilich nicht wie Numenius als Geist, sondern als das Eine versteht. Ist die­se Rede von drei göttlichen Wesen ein Polytheismus? Dies wäre der höchsten Prinzips vgl. P.A. MEIJER, Plotinus on the Good or the One (Enne- ads VI 9). An Analytical Commentary, Amsterdam 1992, ch. 5, S. 58-64. 7 Zum Nous als zweitem Gott bei Plotin und den gnostischen Auffassungen in dieser Thematik vgl. Francisco Garcia BAZAN, The “Second God" in Gnosticism and Plotinus’s Anti-Gnostic Polemic, in: R.T.WALLIS (Hrsg.), Neoplatonism and Gnosticism, Albany 1992, S. 55-83. 8 Eine eingehende Analyse des Kapitals III 9: 1 auf dem Hintergrund von Numenius’ Annahme dreier Geistwesen findet sich in: John Peter Kenney, Mystical Monotheism. A Study in Ancient Platonic Theology, Hanover/Lon- don 1991, ch. 3: The Mystical Monotheism of Plotinus, bes. S. 94-98. 9 Daß die Rede von einem ersten, zweiten und dritten Gott bei Numenius und späteren Platonikern den grundsätzlichen Monotheismus nicht in Frage stellt, erörtert Michael FREDE, Monotheism and Pagan Philosphy in Later Antiq­uity, in: P. ATHANASSIADI/M. FREDE (Hrsgg.), Pagan Monotheism in Late Antiquity, Oxford 1999, S. 41-67, bes. S. 54f.

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