Folia Theologica 1. (1990)

Günter Virt: Ist auf das Gewissen Verlaß?

GEWISSEN 81 Stimmigkeit der eigenen Handlungsmaximen mit dem Lebensplan Jesu, wie er uns in den Evangelien überliefert ist, liegt das wohl ent­scheidende Kriterium zur Unterscheidung zwischen der berechtigten Berufung auf ein christlich gebildetes Gewissen von einer miß-bräuch- lichen Berufung auf ein durch Eigeninteressen oder partikularistische Gruppeninteressen gekennzeichnetes Selbstverhältnis. Einer Gewis­sensentscheidung, die erprobt ist am Evangelium, die durch eine kriti­sche Unterscheidung der Geister gegangen ist und die nicht nur eigene Vorteile bedeutet, dürfen wir trauen. Der Prozeß der reifen Verinnerli­chung Jesu Christi gibt den Menschen gerade frei in seine sittliche Ei­genständigkeit und kreative Lebensgestaltung.31 31. Die Spannung, in der das Gewissen heute zwischen seiner christlichen Her­kunft und seiner säkularisierten Gestalt steht, zeigt sich besonders beim Versuch einer Kriteriologie. Die deutlichste Ausarbeitung der Kriterien scheint mir immer noch in der christlichen Kunst der sogenannten "Unterschei­dung der Geister" zu sein. G. GRESHAKE (Gottes Willen tun, Freiburg 1984) versuchte neuerdings aus dieser Tradition einige konkrete Regeln zu formulie­ren, die ich mit kleinen Variationen wiedergebe: 1. Regel: Wo eine Gewissensanregung mir ein Wort der Hl. Schriftbesonders einen Zug der Gestalt Jesu - auf mein Leben hin übersetzt und konkretisiert, ist Gottes Geist am Werk. 2. Regel: Der Wille Gottes ist vernünftig d. h. nicht einfach im Sinne einer Plau­sibilität dessen, was alle sagen, aber doch so, daß Gottes Ruf sich innerhalb der vernünftigen Strukturen der geschaffenen Realität bewegt und nicht in phan­tastischen Erleuchtungen gegen alle Klugheit äußert. 3. Regel: Eine Gewissensentscheidung ist dann gut, wenn sie sich von der Mo­tivation, vom Ursprung, vom Ziel und von den Methoden her vernünftig be­gründen läßt. Zeigt sich in einem dieser Aspekte ein Mangel, dann ist weiter an der Gewissensentscheidung zu arbeiten, z.B. die Motive auszutauschen (A. Görres weist darauf hin, daß Motive durch Motive entkräftet oder entwertet werden können und die Motivierbarkeit der Person veränderlich ist.). 4. Regel: Eine Gewissensentscheidung ist dann gut, wenn sie mit der inneren Erfahrung von Trost, Freude, Zuversicht und Hoffnung einhergeht. Innere Harmonie mit sich selbst, d. h. mit der eigenen Identität und mit den berech­tigten sittlichen Ansprüchen ist Zeichen einer richtigen Gewissensentschei­dung. 5. Regel: Eine wirkliche Gewissensentscheidung überfordert mich nie. Über­forderungen kommen aus dem über-Ich und nicht aus dem göttlichen Willen. (Fortsetzung folgt auf der nächsten Seite.)

Next

/
Oldalképek
Tartalom