Folia Theologica 1. (1990)
Günter Virt: Ist auf das Gewissen Verlaß?
80 G. VIRT in der Annahme der Herausforderung des Anspruchs der Wirklichkeit auch mit sich selbst identisch erfährt. Entscheidende Grundlage auf allen Stadien dieses Wege der Bildung des reifen Gewissens ist die Vermittlung von Vertrauen. Nur auf dieser Basis kann das Wagnis gelingen, daß ein Mensch langsam seine Eigenständigkeit aus dem vorgegebenen Selbst und den vorgegebenen sozialen Rollen herausdifferenziert und so für sein Handelt Verantwortung übernimmt. Gewissensbildung läuft aber vorrangig nicht nur über Normen, sondern vor allem über den Bezug zu konkreten Personen.29 30 Der einzelne Mensch aber kann nur perspektivisch das gesuchte Humanum ausschnittweise verwirklichen. Gewissensbildung in Form eines Kopierversuchs einer individuellen vorbildlichen Persönlichkeit würde zum Verfehlen der ureigensten Bestimmung eines Menschen führen und so in Fremdbestimmung und Außenleitung zurückfallen. Nur eine Gestalt, die Menschsein schlechthin zum Ausdruck brächte und in ihrer sittlichen Existenz keine individualisierte Rolle mehr bloß vorgäbe, könnte Orientierung für Gewissensbildung schlechthin sein. Die Christen glauben, daß dies in der Hingabe des uneingeschränkten Liebesdienstes des Jesus von Nazareth wirklich geworden ist, die durch rein menschliche Moralität nicht erreicht werden konnte; daher kann dieser Jesus und sonst niemand Nachfolge verlangen. Das unterscheidend Christliche einer Ethik liegt nicht in dieser oder jener Einzelnorm oder in einem abstrakten Prinzip, sondern in der Gestalt Jesu Christi, Christliche Gewissensbildung3 geschieht daher am präzisesten in der hörenden und betenden Auseinandersetzung mit der Person Jesu. Das beständige Meditieren des Evangeliums mit allen Kräften der Psyche beansprucht und entfaltet die Entscheidungsfähigkeit und damit die Eigenständigkeit des Menschen bis in die tiefen Schichten der Person mehr als bloß logische Überlegungen. In der Prüfung der 29. Vgl. G. BIEMER/A. BIESINGER (Hg.), Christ werden braucht Vorbilder, Mainz 1983, G. STACHEL/D. MIETH, Ethisch handeln lernen, Zürich 1978. 30. Vgl. G. VIRT, Das spezifisch Christliche in der Gewissensbildung, in: J. REI- KERSTORFER (Hg.), Glaubenspraxis, Wien 1981, 107-120.