Folia Theologica 1. (1990)
Günter Virt: Ist auf das Gewissen Verlaß?
72 G. VIRT hältnis des Menschen, ein vom Menschen selbst eingenommenes Verhältnis zu den vorgegebenen Verhältnissen des Selbst, die er vorfindet. Eine Skizze, die der vollmenschlichen Gewissenserfahrung gerecht werden will, muß sich daher über die Flächendimension erheben und die verschiedenen Dimensionen menschlicher Existenz, zwischen denen das Gewissen in diesem Selbstverhältnis vermittelt, anvisieren. Eine Begrifflichkeit, die einem solch komplexen Phänomen wie dem Gewissen gerecht wird, kann nicht mehr univok, d.h. einsinnig und eindeutig sein, sondern muß vielmehr eine analoge Verweis-Begrifflich- keit sein. Gestalten und Worte, die nun nicht nur Gegenstände bezeichen, sondern einen anderen Sinn und Voraussetzungen von gegenständlichen Erfahrungen mitbezeichnen, also ein Verhältnis zwischen verschiedenen Sinnebenen zum Ausdruck bringen, nennen wir Symbole.20 II. Systematische Entfaltung des Gewissens als Symbol Ich möchte daher vorschlagen, im nun folgenden systematischen Teil Gewissen als analoges Symbolwort zu verstehen und dies an der begonnen Skizze weiter verdeutlichen. Es sind nun jene Voraussetzungen in den Blick zu nehmen, die ein wirkliches Selbstverhältnis des Menschen ermöglichen und nicht bloß ein scheinbares wie etwa bei S. Freud, denn das über-Ich Freuds ist ja gerade eine fremde, d.h. heteronome Instanz, die durch den Abwehrmechanismus der Introjektion in das Subjekt hereinkommt. Eine solch abgeleitete Instanz könnte das Grundrecht der Gewissensfreiheit niemals rechtfertigen. Ein wirkliches Selbstverhältnis setzt ja voraus, daß der Mensch über eine reale, sein Dasein begründende Instanz zu sich selbst zurückkommt und so seine Identität findet. Die moderne Anthropologie setzt diese Instanz auf verschiedene Weisen mit dem Bild, das die anderen von mir haben und mir spiegeln, gleich. Das reflexive Selbst, im Sinne des symbolischen Interaktionismus, d.h. wie mich die anderen sehen, ist der Bezugspunkt, über den 20. Vgl. P. RICOEUR, Die Interpretation, Frankfurt 1969, 30f. vgl. G. VIRT, Sittliches Handeln als Symbolgeschehen. Die Bedeutung des psychoanalytischen Symbolbegriffs für eine ethische Handlungstheorie, in: ThQ 163(1983) 123-131.