Folia Theologica 1. (1990)

Günter Virt: Ist auf das Gewissen Verlaß?

GEWISSEN 73 das spontane Ich im Laufe der Lebensgeschichte reagierend und reflek­tierend zu sich selbst handelnd und denkend zurückkehrt, Nun kann aus dieser Erklärung des Selbstverhältnisses des Men­schen sehr viel an konkretem Detailwissen abgelesen werden, nicht aber die Fähigkeit des Menschen, zwischen Sein und Nichtsein, zwi­schen Gut und Böse unbedingt zu unterscheiden, denn alle relativen und endlichen Wirklichkeiten können den Menschen immer auch nur bedingt und niemals unbedingt beanspruchen. Der Mensch erfährt sich in seinem Verhältnis zu sich selbst aber im sittlichen Anspruch unbedingt gefordert. Diese Tatsache kann auch durch alle Versuche, dieses Bewußtsein als ein abgeleitetes Phänomen zu er­klären, nicht aus der Welt geschaffen werden. Die Fähigkeit und auch die Notwendigkeit des Menschen zu urteilen, "das ist oder das ist eben nicht", "dieses ist gut und jenes ist böse", muß also in einer Struktur im Menschen selber gründen, die ihn imstande setzt, solche Urteile zu fällen. Es ist im nächsten Schritt also ein Begriff zu suchen, der sich auf Grund seines impliziten Verweischarakters eignet, zwischen einer konkret erfahrbaren Größe im menschlichen Lebenszyklus und der darin vorausgesetzten ursprünglichen Erfah­rung eines unbedingt Guten zu vermitteln, d.h. im philosophischen Jargon gesprochen, zwischen der kategóriáién Ebene und den trans­zendentalen Voraussetzungen hiefür. Daß ein Mensch überhaupt wagt, sich auf das einzulassen, was ihm seine Umgebung wiederspiegelt an Erwartungen, bevor er noch anfängt, "ich" zu sagen, d.h. im Jargon der modernen Anthropologie ge­sprochen, sein "Selbst" anzunehmen und aus diesen vorgegebenen De­terminanten sein eigenständiges Ich langsam herauszuarbeiten, dies setzt ein grenzenloses Vertrauen voraus.21 Erich Erikson spricht von einem Urvertrauen, das in den ersten Lebensmonaten grundge­legt, Voraussetzung für das Gelingen späterer Reifungsschritte ist und in diesen aufgehoben bleibt. In der Frage nach dem Beginn ver­birgt sich aber die Frage nach dem Ursprung. Unter Urvertrauen versteht E. Erikson "die auf Erfahrungen des ersten Lebensjahres zurückgehende Einstellung zu sich selbst und zur Welt". Er meint 21. Vgl. W. PANNENBERG, Anthropologie, Göttingen 1983, 217-235.

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