Folia Theologica 1. (1990)

Günter Virt: Ist auf das Gewissen Verlaß?

64 G. VIRT Der Raum sowie die Notwendigkeit für die individuelle Gewissensent­scheidung sind offensichtlich in den letzten Jahren gewachsen. Doch diese Vervielfältigungen sittlicher Kompetenz erweisen sich durchaus als zwiespältig. Denn auf der einen Seite ist die Gewissenskompetenz herausgefordert, auf der anderen Seite ist das menschliche Verhalten in der industriel­len Gesellschaft auf offene oder verschleierte Art in weiten Bereichen gesteuert. All dies läßt dem Menschen so wenig Freiraum, daß er sich nun im ethischen Bereich ein Ventil schaffen möchte. Eine zunehmen­de Privatisierung des Gewissens als bloße Fluchtreaktion aber ist ein schlechter Nährboden für die Entfaltung wirklicher Gewissenskompe­tenz; denn bei näherem Zusehen erweist sich, daß diese scheinbar pri­vaten Gewissensentscheidungen nur zu oft von gesellschaftlichen Trends abhängig - oder was noch schlimmer ist - gegenabhängig sind. Eine Gewissensentscheidung ist nicht schon durch den Hinweis auf Emanzipation von herkömmlicher Moral gerechtfertigt1 2, sondern erst durch die ethische Legitimation ihrer Interessen, die erst zu klären ist. In einem Klima, in dem das Gewissen häufig und dann geltend gemacht wird, wenn Eigeninteressen auf dem Spiel stehen oder verschleierte Gruppenzwänge und unbekannte Hintermänner Interessen mobilisie­ren, kann das wirklich eigenständige Gewissen nur schwer gedeihen. Ganz so neu schneit jedoch diese Problematik nicht zu sein, wenn wir uns an ein Wort von A. Schopenhauer (+1860) erinnern.3 1. (Fortsetzung) die Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten von Amerika, die 2. Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopates in Medellin, die Bischofskonferenz von Indien, die deutsche, österreichische, belgische, spani­sche, französische, englische, irische, italienische und skandinavische Bischofs­konferenz. Die verschiedenen Erklärungen sind veröffentlicht in Dokumentationszeitschriften wie "Documentation Catholique" und "Il Regno Documenti", sodann gesammelt in: L. SANDRI (Hg.), Humanae vitae e Magi­stero Episcopale, Bologna 1969 und PH. DELHAYE, J. GROOTAERS, G. THILS (Hg.), Pour relire Humanae vitae. Déclarations épiscopales du monde entier. Commentaires théologiques, Gembloux 1970. 2. Vgl. D. MIETH, Gewissen, in Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, Bd. 12, Freiburg-Basel-Wien 1981, 166. 3. Grundlage der Moral, Sämtliche Werke, Wiesbaden 1950, Bd. 4, 192.

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