Folia Theologica 1. (1990)
Günter Virt: Ist auf das Gewissen Verlaß?
GEWISSEN 65 "Mancher würde sich wundern wenn er sähe, woraus sein Gewissen, das ihm ganz stattlich vorkommt, eigentlich zusammengesetzt ist: etwa aus ein Fünftel Menschenfurcht, ein Fünftel Deisidämonie (was soviel bedeutet wie Götzenfurcht), ein Fünftel Vorurteil, ein Fünftel Eitelkeit und ein Fünftel Gewohnheit, so daß er im Grunde nicht besser ist als jener Engländer, der geradezu sagte "Ein Gewissen zu halten ist für mich zu kostspielig."" Ist also das, worauf man sich da so gerne beruft und wonach man ruft, noch identisch mit dem traditionellen Inhalt der abendländischen Gewissenslehre in einem christlichen Kontext? Trotzdem behauptet sich das Gewissen auch in den säkularisierten Gesellschaften. Doch in welcher Form? Das ist die Frage, die unser Thema so wichtig macht: als Spiegel modischer Trends, als Organ der Anpassung, als internalisiertes Prinzip gesellschaftlicher Manipulation oder als Verschleierung eigener Interessen bis hin zu extremen Gruppeninteressen, die die bestehende gesellschaftliche Ordnung mit Gewalt zerstören wollen und sich dabei auf ihr Gewissen berufen. Das Gewissen gehört zweifellos zu den wichtigen Themen der christlichen Ethik. Umso verwunderlicher ist es, daß bedeutende moraltheologische Werke und philosophische Lexika in der letzten Zeit dort schweigen, wo man eine ausführliche Behandlung unseres Themas erwarten könnte.4 Weniger erstaunlich ist das Fehlen des Stichwortes "Gewissen" in marxistischen Lexika, denn wer hat in einem totalitären Regime schon Interesse an eigenständiger Gewissenskompetenz. Womit mag es also Zusammenhängen, daß dem immensen Wissenszuwachs der modernen Humanwissenschaften über die Entwicklung des sittlichen Urteils und deren Gesetzmäßigkeiten ein Mangel an philosophisch-theologischer Reflexion über das Gewissen gegenübersteht? Eine erste Beobachtung scheint in die Richtung zu weisen, daß die moraltheologische Aufarbeitung der unübersehbaren Fülle humanwissenschaftlichen Wissens über das mit Gewissen umschriebene Phänomen 4. So wurde z. B. im Handbuch der christlichen Ethik erst auf Grund von Rezensionen im ursprünglich nicht geplanten 3. Band ein Abschnitt über das Gewissen aufgenommen: L. HONNEFELDER, Praktische Vernunft und Gewissen, in: HchrE III, 26.