Folia Theologica et Canonica, Supplementum (2016)
Géza Kuminetz, Aktualitdt der thomistischen Staatsidee
176 GÉZA KUMINETZ schliesslich auch die Idee des totálén Staates zu dér Staatsidee von hl. Thomas gegensatzlich sind. Sogar dér schwache und puppenmassige Staat des Globa- lismus ist zu ihr gegensatzlich. Letzten Endes gebührt eine Prioritat entweder dér Staatsmacht oder den sie bildenden Völkern von einem je anderen Gesichtspunkt aus, keines von ihnen kann jedoch eine absolute Prioritat gegenüber dem anderen geniessen. und keines darf über dem anderen in absolutem MaBe auch nicht herrschen. In diesem Falle würde entweder die Staatsmacht die Rechte ihrer Bürger auf- heben, oder das Volk liesse die das Gemeinwohl verwirklichende, unentbehr- liche Aufgabe der Staatsmacht ausser acht. Die Macht und das Volk müssen also miteinander einen wahrlichen Bund schliessen, was sich von der Seite der Macht im Verstehen der Bitten des Volkes und in der Genehmigung ihrer gerechten Wünsche, und von der Seite des Volkes in der begründeten und ehr- furchtsvollen Willensausserung beziehungsweise im aufrichtigen Gehorsam zeigen soli. Der Staat kann also nur dann ein wirkliches Organismus, der voll- kommene irdische Rahmen des menschlichen Daseins, die reale Möglichkeit und das Pfand des Glückes der Personen und der kleineren gesellschaftlichen Gestaltungen sein werden, wenn die oben erwahnten gegenseitig, wachsam und dauerhaft durchgeführt werden. III. III. Letzte Schlussfolgerungen Einen totálén Staat gibt es heute nicht mehr, aber man braucht ihn auch nicht. denn der negative Trend wird weiter fortgesetzt, die damonische und selbst- vergötternde Tatigkeit erreichte schon die Völker und ihre Mitglieder. Der Staat kann heute schon schwach sein, weil andere Gesellschaftsfaktoren die Leitung auf latente aber ausserst wirksame Weise übemommen habén. Ich ver- fasse es so: heute ist die Gesellschaft selbst (und nicht bloss der Staat) ein tota- lisierter und totalisierender Faktor. Heute ist es der Staatsbürger selbst, der dem anders Denkenden den Stempel aufdmckt, auf komische Weise im Ñamen des Pluralismus und der Freiheit. Das bedeutet auch, dass sich die permanente Revolution, das heisst das gnadenlose sekularisierte Messianismus heutzutage schon im Alltagsleben der Menschen (auch die Privatsphare miteinbegriffen) fortsetzt. Und diese Erscheinung hat heute keine bessere Beurteilung, als da- mals der Herr sagte: Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun (trotz aller Bewusstheit stimmt das sowohl bezüglich der Masse als auch in Bezug auf ihre Diktátor). Zum Schluss versuchen wir die Prinzipien. die das Wesen der Staatsidee von Thomas von Aquin bilden, in Thesen zusammenzufassen: 1. Die thomistische Philosophie, oder richtiger gesagt die Philosophic vom heiligen Thomas bedeckt und driickt die Auffassung des Neuen Testaments