Folia Theologica et Canonica, Supplementum (2016)
Géza Kuminetz, Aktualitdt der thomistischen Staatsidee
146 GÉZA KUMINETZ des Staates grausame Qualen. Sie richtete die Sede der Leiter zugrunde, und den Bürgern bürdete sie eine gewaltige Last auf. Diese Last war qualitativ anders ais die früher schon bekannte Belastung, die von der Willkür des Herrschers herriihrte. Sie war irrational, nicht nur einfach eine Last über allém Masse. All das brachte eine Ablehnung mit sich, sowohl im Kreise der Bürger als auch in dem der Menschen der Wissenschaft. Deshalb erhebt sich die quálende Frage, worin eigentlich das Wesen des wahren Staates besteht? 1st das ein notwendiges Übel, das man loswerden muss, oder eines der edelsten Ziele des Menschen? Was verstehen wir unter Staatsmacht, wie kann seine befehlende Autoritàt bewiesen werden? Auf diese Fragen suchen wir die Antwort. Die Abneigung gegen den Staat ist sozusagen gleichaltrig mit der Geburt des Staates selbst, weil die Macht beziehungsweise ihr Verkörperer in jeder Epoche zu Ubertreibungen und zűr Selbsvergöttlichung geneigt war. Horváth betrachtet und stellt die richtige Entfaltung der Staatsidee in der dialektischen Dreiheit der Hegelschen Thesis - Antithesis - Synthesis vor, und er sieht die mit der Entstehung der Staatsidee zusammenhangende Thesis in der Auffas- sung des absolutistischen Staates. Ihr Wesen verfasst er auf solche Weise, dass der Staat erscheint, wie eine höhere Macht, die in unzugánglichen Höhen wohnt, den Bürgern ihre Wohltaten nicht zukommen lásst, und die Verletzer des Gesetzes gnadenlos bestraft. Hier gibt es wortwörtlich bloss Untertanen, in demütigendem Sinne des Wortes. Und das ruft das Gefühl hervor, dass der Bürger unter dem Staat oder eher bei ihm und von ihm zu leben versucht. Der so aufgefasste Staat und sein Machtsitz gab nicht viel Trost seinen Untertanen, die den Staat nicht nur als ein in sich genommenes Übel betrachteten, sondem als eine Realititat, die losgeworden, dessen Sklavenjoch abgeschüttelt werden müsste. Dieses Gefühl und dieser in bestimmtem Sinne rechte Wunsch schuf die Antithese, das heisst die Aussage des Prinzips der Volksmajestat, wenn das Volk über dem Staat herrscht.5 Das kann als ein Angriff mit Platzwechsel betrachtet werden. Früher war das Prinzip „der Staat bin ich” gültig, und jetzt das Prinzip „der Staat sind wir". Den Fehler der These sieht Horváth in der übertriebenen Auffassung des formaién Faktors des Staates, der Staatsmacht, und zwar darin, dass diese sich selbst als den Verkörperer des Volks, als eine absolute Rechtsquelle betrachtet, was das Volk ais Willkür empfindet, denn sie beriicksichtigt seine spezifischen Rechte nicht. Der Fehler der Antithese ist - nach unserem Verfasser - das 5 Das radikalste Mittel und die radikalste Art und Weise der Abriittelung der Macht ist die Revolution. Die anderen Formen des Entgegenwendens der Macht werden wir im weiteren erörtern.