Folia Theologica et Canonica, Supplementum (2016)
Géza Kuminetz, Aktualitdt der thomistischen Staatsidee
AKTUALITÀT DER THOMISTISCHEN STAATSIDEE 147 Missverstàndnis der Bedeutung des materiellen Faktors der Gesellschaft und dire sich daraus ergebende Überbetonung. In dieser Auffassung ist der Staat keine Rechtsquelle, sondern ein solcher Behàlter, in den das Recht von den staatsbildenden Elementen, von der Masse hineinfiiesst, und ihm ein jeder soviel Recht herausnimmt, wieviel er zűr Verwirklichung seiner Plane für ent- sprechend halt. In diesem Falle ist der Staat eine Interessengemeinschaft, die durch eine Art von Gesellschaftsvertrag zusammengehalten wird. Der Mangel an beiden und der Fehler von beiden - These und Antithese — besteht darin, dass der Staat kein organisches Organismus ist und er nicht als solcher funk- tioniert, obwohl er so sein müsste, und das bedeutet die Synthese, die die christliche Staatsidee verkörpert. Diese Staatsidee bringt sowohl die materielle als auch die formale Seite der staatsbildenden Faktorén in ein richtiges Gleichgewicht. Die wichtigste Folge davon ist es, dass die Bürger hier wort- wörtlich im Staat, also nicht neben ihm, unter oder von ihm leben, sondern in ihm, mit ihm und durch ihn, in dem sie den Gewahrleister und Entfalter ihrer menschlichen Würde sehen. Diese Staatsidee ist also nicht die Entartung der Macht und ihres Wohnsitzes, der Autoritat, sondern die Verwirklichung des Schöpfers nach seiner Absicht. Nach diesen einleitenden Gedanken erörtert unser Verfasser seine mit dem Staat verbundenen Lehrsatze in vier Unterpunkten. So spricht er über das Recht des Staates zum Dasein und über sein Wesen als moralisches Individuum, nachher über die gesellschaftsorganisierende Kraft und die Grenzen des staatli- chen Ziels, danach über die Elemente des Staates, über das Volk, die Nation und schliesslich über die Selbstbestimmung des Staates. 1. Das Recht des Staates zum Dasein und sein Wesen als moralisches Individuum Warum entstand eigentlich der Staat im Laufe der Entfaltung und Entwicklung der menschlichen Gesellschaft? Und wenn er sich schon voli entwickelte, welche Rolle er in der Gesellschaft und in der Gemeinschaft der Staaten spielt? Auf diese Fragen wünscht Sándor Horváth zu antworten. Seines Erachtens - Aristoteles folgend - kommt eine Art Vorzug (Prioritát) dem Staat, der Gemeinschaften innerhalb des Staates und der kleineren gesellschaftlichen Formationen gegenüber der Person zu. Dieser Vorrang ge- bührt dem Staat jedoch nur von einem Gesichtspunkt aus. Und zwar darum, denn in ihm, mit ihm und durch ihn ist eine qualitativ neue Sache in der Gesell- schaftsgestaltung des menschlichen Geschlechts entstanden, was so neu ist, dass die den Staat bildenden Völker und Gemeinschaften ein Machtzentrum zustande brachten, das der natürlichen Person ahnlich zur Selbstbestimmung fáhig ist, also zur genauen Bestimmung seines Ziels und zur Verwirklichung