Folia Theologica et Canonica, Supplementum (2016)
Géza Kuminetz, Aktualitdt der thomistischen Staatsidee
AKTUALITÀT DER THOMISTISCHEN STAATSIDEE 145 dung. Und diese Krise sieht der namenhafte Gesellschaftsphilosoph in der Desakralisierung der Macht. Seines Erachtens trennte sich námlich die west- liche Zivilisation von ihrer sakralen Grundlage los.2 Die Quelle für diese de- sakralisierende und Krise verursachende Kraft bezeichnet er in der liberalen Hegemonie. Nach der Auffassung von Molnár wird die jeweilige menschliche Gesellschaft von drei grossen Grundinstitutionen gebildet und geformt: der Staat, die Kirche (Religion) und die zivile Gesellschaft. Falls das Gleichge- wicht von diesen ins Schwanken geràt, entstehen Spannungen in der Gesellschaft. Der Staat hiitet das Gemeinwohl, die Kirche bewàhrt die Sakralitat und die moralische Ordnung, und die Zivilsphàre bildet die Produktivkràfte, die kulturellen Faktorén usw. Zum erstenmal im Laufe der Geschichte wurde diese dritte Kraft durch die wirkliche Macht iibemommen, was eine endgiiltige Zer- störung verursacht, weil der geschwàchte Staat nicht mit geniigender Kraft für das Durchsetzen des Gemeinwohls eintreten kann, und die geschwàchte Kirche (die zűr Privatspháre gezwungene Religion) vermag nicht die gesellschaftlich wirksame Stimine des Gewissens zu sein.3 Dadurch wurden die Prinzipien „veritas, non auctoritas facet legem” beziehungsweise „veritas, non utilitas facet pacem”, die den Nachdruck auf die objektive Seite der Dinge legten, gegen die von der Meinung des Subjektum diktierten Prinzipien getauscht: das heisst gegen die Prinzipien „auctoritas, non veritas facit legem” und „utilitas, non veritas facit pacem”. Molnár behauptet sogar, dass das Ansehen, das heisst die Autoritát ihre Rolle ais Verbindungsmaterial heutzutage immer weniger erfüllt. Diese Einstellung gegen die Autoritát bedeutet jedoch nichts anderes, ais ein áusserst starkes, terrorisierendes, autoritáres Verhalten und Weltanschauung, wo das die objektive Wahrheit verleugnende, beinahe dámonisch werdende Subjektivismus und Individualismus herrscht. Dass der Mensch so wird, spielen die Medien eine entscheidende Rolle, deren gefállige Tátigkeit methodisch die Kinder von der Autoritát der Eltern, die Schüler von der Autoritát der Eehrer, die Gláubigen von der Autoritát der Kirche und die Staatsbürger von der Autoritát des Staates isolieren will.4 IL Die Staatsidee vöm heiligen Thomas von Aquin im Spiegel der Auffassung von Sándor Horváth O.P. Die Verkörperung des Staates, genauer gesagt die der totalitáren Staatsidee im 20. Jahrhundert bereitete sowohl den einfachen Bürgern ais auch den Leitem 2 Vgl. Molnár, T., A hatalom két arca \ Die zwei Gesichter der Machtl, Budapest 1992. 30-31. 3 Vgl. Molnár, T„ Liberális hegemónia [ Liberale Hegemonie], Budapest 2001.5-8. 4 Vgl. Molnár, T., Az autoritás és ellenségei [ Die Autoritát und ihre Gegner], Budapest 2002. 5-15.