Folia Theologica et Canonica 1. 23/15 (2012)

SACRA THEOLOGIA - Zoltán Rokay, Leo Scheffczyk und die Tübinger Schule

LEO SCHEFFCZYK UND DIE TÜBINGER SCHULE 115 sich bei Drey aus dem objektiv-organischen Verständnis der Geschichte auch die Erkenntnis der Transsubjektivität und Objektivität der Kirche, die aller­dings aus einem anderen (noch zu erwähnenden) Grunde theologisch noch nicht adäquat zur Aussage gelangt. Auf jeden Fall wird ihm auf diesem Wege Christentum und Kirche die stete Vergegenwärtigung des urgeschichtlichen Faktums in objektiver Gegebenheit.“102 Den „Grund“ gibt dann Scheffczyk mit folgenden Worten an: „Drey sieht näher hin, dass im ,Reich Gottes4 die leben­dige, das Positiv-Objektive der Kirche geistig zu erfassen sei. Zweifellos erwies sich diese Idee als geeignet, das Christentum als einen sich lebendig entfalten­den Organismus erkennen zu lassen und die Theologie von einem Zentrum her ganzheitlich zu begreifen, weshalb J. B. Hirscher (...) von ihr sagen konnte, sie sei die .höchste Idee, in welcher sich alle Wahrheiten und Anstalten Gottes durch Christus konzentrieren. ‘ Aber da Drey sie als eine im Menschen angeleg­te und durch die Offenbarung von außen geweckte Vernunftidee verstand (...), konnte er in ihr den übernatürlichen Charakter der christlichen Offenbarung nicht rein zum Ausdruck bringen. Es ist deshalb bezeichnend, dass die zweite Generation der Tübinger in Fr. A. Staudenmaier und J. Ev. Kuhn die philoso­phische Konstruktion der Theologie von der Idee des Reiches Gottes trennte. Dabei wurde auch der unvollkommene Offenbarungsbegriff korrigiert und das suprarationale Moment der christlichen Wahrheit eindeutiger zur Geltung ge­bracht.“103 Möhler konnte dem einseitigen „Erziehungsbegriff1 von Lessing, welcher Drey ungünstigerweise beeinflusst hat, ausweichen, hatte es aber anfangs schwer die „Urtatsache“ des Christentums bei Vermeidung des Gebrauches des Be­griffs der Dialektik in die (später für ihn so charakteristische) organische Ein­heit hin einzuholen.104 Seine konsequente Leistung hat aber dann auch diese Schwierigkeit überwunden, und er hat seinem Denken und seiner Darstellung der Einheit, der „Katholizität“ der Offenbarung, Geschichte und Kirche die so­zusagen vorbehaltslose Anerkennung seitens Sch effczyk zu verdanken.105 Bei Staudenmaier macht Scheffczyk die folgende Bemerkung: „Wenn Stau­denmaier (...) auch im Ganzen eine eindrucksvolle Synthese der christlichen Wahrheit für das menschliche Bewusstsein zustande brachte die dem Ziele einer idealen Verständlichmachung des christlichen und damit einer Heimholung der Welt dienen konnte, so ermangelten doch manche Einzelheiten der Eindeutig­keit und Schärfe. Das gilt für seine Bestimmung des Verhältnisses von Natur und Gnade, für seinen traditionalistischen Offenbamngsbegriff wie für die 102 Scheffczyk, L. (Hrsg.), Theologie in Auflrruch und Widerstreit, XIII. 103 Ebd. XV. 104 Vgl. ebd. 105 Vgl. ebd. XV-XIX.

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