Hedvig Győry: Mélanges offerts a Edith Varga „Le lotus qui sort de terre” (Bulletin du Musée Hongrois des Beaux-Arts Supplément 1. Budapest, 2001)
MAYA MÜLLER: Schönheitsideale in der Ägyptischen Kunst
männliches Elements durch die Frau. Was die Fruchtbarkeitsgottheiten angeht, so findet bei ihnen eine Übernahme sexueller Merkmale auf der körperlichen Ebene statt, und zwar verhält es sich so, dass die männlichen von den weiblichen Gottheiten Körperfülle und Hängebrüste entleihen, also diejenigen der nährenden Mutter. Die Bedeutung der Hängebrüste wird auch durch denjenigen Pyramidenspmch bestätigt, der dieses Merkmal, zusammen mit dem langen Haar, der Nechbet als Mutter und Amme des Königs zuschreibt (Pyr. 1119). Bei den Königsdarstellungen des Alten Reiches ist keine Aneignung eines gegengeschlechtlichen Merkmals überliefert. Unter den grossen Gottheiten hat aber Seschat als Fellträgerin eine männliche Komponente. Im Alten Reich wird der König gelegentlich in Ritualszenen, in welchen er stehend in Schrittstellung auftritt, gemäss einem sexuellen Schönheitsideal dargestellt, und zwar nach dem Schema, das wir den "Athleten mit den schönen Beinen" nannten. In mehreren der spärlich erhaltenen Beispiele ist die Gottheit, der er gegenübertritt, eine Liebes- und Muttergöttin bzw. Muttergattin, es kommen aber auch andere göttliche Partner in Frage. Eine athletische Gestalt eignet dem König auch in den Laufszenen, eine Variante, die als "vitaler Triumphator" bezeichnet werden kann. Der Herrscher erscheint in solchen Szenen als Befruchter und Erneuerer des Landes, der überdies den ganzen Kosmos kontrolliert und in Gang hält wie Re. Bei der göttlichen Partnerin des Königs ist sehr wenig von einem Schönheitsideal zu spüren, obwohl ihre Sexualität durchaus hervorgehoben wird. Hingegen ist das Bild einer schwangeren Fruchtbarkeitsgöttin mit reifen, mütterlich-vollen Körperformen ausgestattet. Bei privaten Grabherren sind Darstellungen des Körpers nach einem erotischen Ideal selten, bei Frauen fast inexistent. Recht häufig ist das erotische Signal aber auf der symbolischen Ebene in Gestalt des Pantherfells. Auch der Grabherr tritt als Befruchter und Erneuerer auf in solchen Szenen. Diese Rolle ist bei ihm aber in eingeschränkter Weise wirksam, denn sie bezieht sich nur auf seine eigene, kleine Welt, d.h. seine Familie und seinen Landbesitz mit all den zugehörigen Untergebenen und deren ganzer Produktion. Interessant ist der männlich-weibliche Doppelaspekt, den die Fruchtbarkeitsgötter, die Grabherren im Pantherfellkleid und die Damen im Pantherfell(kleid) mit unterschiedlichen Mitteln realisieren. Mütterliches und väterliches (pro)kreatives Potenzial kann in ein und derselben Person kombiniert auftreten.