Hedvig Győry: Mélanges offerts a Edith Varga „Le lotus qui sort de terre” (Bulletin du Musée Hongrois des Beaux-Arts Supplément 1. Budapest, 2001)
MAYA MÜLLER: Schönheitsideale in der Ägyptischen Kunst
MITTLERES REICH Im Mittleren Reich spielt das sexuelle Schönheitsideal im ganzen eine relativ geringe Rolle, soweit man überhaupt urteilen kann bei dem geringen Bestand an erhaltenen Denkmälern. Es kommt gelegentlich bei der Königs- und Privatplastik und bei den Ritualszenen der Tempel vor. Immerhin tritt eine neue Objektkategorie auf, nämlich nackte, idolartig abstrahierte Frauenstatuetten, und neu ist auch die variantenreiche Darstellung reicher Locken- und Zopffrisuren, die als ein sekundäres Geschlechtsmerkmal oder jedenfalls als sexueller Auslöser angesehen wurden. Der 11. Dynastie gelang ein Neubeginn der Kunst, der die künstlerischen Ziele des Alten Reiches weit hinter sich Hess. Die Werke der Mentuhotep-Könige sind durch ganz eigenwillige Ausdruckskraft gekennzeichnet. Dasjenige künstlerische Ziel, das uns hier interessiert, ist aber vollkommen abwesend, nämlich die Darstellung eines erotischen Schönheitsideals. Auch in der 12. Dynastie gehörte es nicht zu den vorrangigen Zielen, hat sich aber stellenweise doch wieder durchgesetzt. Es sind aber fast nur aus der Regierungszeit Sesostris' I. genügend königliche Denkmäler erhalten, um sich vom Spektrum an künstlerischen Aufgaben überhaupt einen Begriff zu machen. Da ist vor allem die Statuenserie aus Lischt (Kairo CG 411-420) 5 ' zu nennen, kolossale Sitzfiguren aus Kalkstein, die nicht nur bei der Gestaltung von Schultern, Armen und Beinen anatomisches Verständnis beweisen, sondern auch am Torso die Hauptpartien, nämlich den grossen Brustmuskel, den Brustkorb und die Bauchdecke, durch feine Erhebungen und Einsenkungen der Oberfläche gegeneinander absetzen. Am kolossalen Paar von Standbildern aus Kamak (Kairo JE 38286/7 52 ) kommt die kräftig-schlanke Gestalt des Herrschers besonders schön zur Geltung. Bei Sesostris II. nimmt man an den granitenen Sitzstatuen aus Tanis 53 eine noch pointiertere Modellierung der Muskeln und Knochen wahr, bei etwas gedrungeneren Proportionen des Körpers. Das Gesicht wird im Mittleren Reich nie in das erotische Schönheitsideal einbezogen, weder bei den Königsstatuen noch bei den weiter unten zu besprechenden Frauenfiguren. Auch die zahlreich und in hervorragender künstlerischer Qualität erhaltenen Reliefs Sesostris' I. bieten, von unserem besonderen Standpunkt aus gesehen, " H. G. Evers, Staat aus dem Stein, Bd. 1, München 1929, Tf. 26-29. 52 Evers, a.a.O. (Anm. 51). Tf. 34; Sourouzian, a.a.O. (Anm. Ii). Tf. 74 (Kairo JE 38286/7). 55 Evers, a.a.O. (Anm. 51). Tf. 65-68 (Kairo CG 430 und 432).