Hedvig Győry: Mélanges offerts a Edith Varga „Le lotus qui sort de terre” (Bulletin du Musée Hongrois des Beaux-Arts Supplément 1. Budapest, 2001)

MAYA MÜLLER: Schönheitsideale in der Ägyptischen Kunst

füllige Perücke grundsätzlich als reizvolles Attribut der Weiblichkeit, ist hier aber ihrer Wirkung weitgehend beraubt, da sie als harter Wulst behandelt ist. Die seltene Geste der kreuzweise ineinandergelegten Hände des Königs und der Göttin deutet auf der symbolischen Ebene die Vereinigung des Paares an. Das zweite, im Alten Reich geläufige Motiv aus dem intimen Umgang des Königs mit den Liebes- und Muttergöttinnen, die Säugeszene, ist auf einem Block mit erhabenem Relief aus dem Totentempel Sahures in Abusir,' 6 einem Werk von höchster künstlerischer Qualität, fast vollständig erhalten. Der König steht dicht vor Nechbet, die ihn mit der einen Hand umarmt und ihm mit der anderen die Brust an die Lippen hält. Die grosse, schlanke Gestalt der Göttin ist mit anmutigen Wellenlinien umrissen; Gesäss, Bauch und Ober­schenkel bilden feine Wölbungen. Nicht nur die Beckenpartie, sondern der ganze Körper wirkt in seiner Schmalheit jungmädchenhaft, nicht wie der­jenige einer reifen Frau. Sahure ist als erwachsener Mann dargestellt, der aber einen Kopf kleiner ist als seine Partnerin. Er trägt das Nemes-Kopftuch, einen grossen, gewellten Bart und den Schendjut-Schurz. Seine Gestalt wirkt imponierend kräftig dank der breiten Schultern, der muskulösen Arme und der in Schrittstellung weit gespreizten Beine mit differenziert ausgearbeiteter Muskel- und Knochenstruktur. Wenn man nur den Bildausschnitt mit den bei­den Hauptfiguren betrachtet, würde man glauben, ein attraktives junges Paar beim Liebesspiel zu sehen; und doch ist es - in eigentümlicher Verquickung ­zugleich das Bild einer stillenden Mutter, erkennbar an der Verkleinerung des Königs und der Geste der Göttin. Ausserdem sind aber bei der Säugeszene Sahures zwei weitere Götter anwesend, links der Schöpfergott Chnum, und rechts ein heute weitgehend fehlender Gott, der den König umarmt. Letzterer ist vermutlich eine Horus-Gestalt, die den göttlichen Aspekt des Königs selbst verkörpert, ähnlich den Formulierungen desselben Themas, die unter Mon­tuhotep II. an der Hathor-Kapelle aus Dendara realisiert werden sollten. 17 Die Szenen mit dem König als Partner der Liebes- und Muttergöttinnen spielen zweifellos nicht nur auf seine Fähigkeit an, sich selber neu zu zeugen, * L. Borchardt, Ausgrabungen bei Abusir Januar bis Juni 1907, in: MDOG Nr. 34, Sept. 1907, S. 43-45, Abb. auf S. 44; R. Stadelmann, Die ägyptischen Pyramiden, Darmstadt (WBG), 2. Auflage 1991, Tf. 65. Von ähnlichen Säugeszenen in Pyramidentempeln sind nur kleine Fragmente erhalten 17 L. Habachi, King Menthuhotep: His Monuments, Place in History, Deification an Unusual Representations in the Form of Gods, MDAIK 19 (1963), S. 19-28, fig. 5-8, Tf. IV-VIII; G. Robins, The Art of Ancient Egypt, British Museum Press 1997, 89.

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