Csaplár Ferenc szerk.: Lajos Kassák / Reklame und moderne Typografie (1999)
Ferenc Csaplár: Lajos Kassák, der Buch- und Werbegestalter
Bühnenstudio der „Arbeit". Nr. 1 (1932) / Kat. 157. In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre wurde Kassäks typografischer Stil ökonomischer und zurückhaltender. Am besten zu beobachten ist diese Tendenz im grafischen Erscheinungsbild der in Budapest gegründeten neuen Zeitschriften „Dokumentum" und „Munka" (Arbeit). In Fortsetzung der Praxis bei der typografischen Gestaltung von „Ma" entwarf Kassák für jedes Heft der „Dokumentum" einen neuen Umschlag, allerdings verwendete er darauf durchweg die gleiche Titelzeile und veränderte auch nicht den Titelkopf auf der ersten Seite des Innenbogens. Die Hefte der Zeitschrift „Munka" individualisierte er nicht mehr mittels jeweils neuer Titelblattgrafiken, sondern durch den Wechsel der neben Schwarz verwendeten Farbe. Während in den 1927 erschienenen Heften von „Dokumentum"jede einzelne Spalte oben mit einer Linie abgeschlossen ist, zeigt sich in „Munka" außerhalb der Spalten nur im rechten unteren Teil der ungeraden Seiten ein solches typografisches Gebilde, das mit dem darin durchweg in kleinen Buchstaben gehaltenen Zeitschriftentitel einziges Schmuckelement ist. Ein Zeichen für zunehmende Abgeklärtheit und sparsameren Umgang mit typografischen Mitteln ist zudem, daß der Titel der Zeitschrift auf dem Umschlag und auf dem inneren Titelblatt kleingeschrieben erscheint. Die Meidung der Großbuchstaben, ja völlige Beschränkung auf Kleinbuchstaben verbreitete sich in der avantgardistischen Typografie infolge der Thesen und Arbeiten Jan Tschicholds in der 1925 mit dem Titel „elementare typographie" erschienenen Sondernummer der „Typographischen Mitteilungen" sowie des theoretischen und praktischen Wirkens von László MoholyNagy und Herbert Bayer am Bauhaus. Die wirkungsstärksten Mittler der Innovation waren die von Moholy-Nagy gestalteten Hefte der im Dezember 1926 gestarteten eigenen Zeitschrift des nach Dessau übersiedelten Bauhauses. Es ist kein Zufall, daß Kassák den Text der Tschicholdschen Thesen zur „elementaren typographie" bei erstmöglicher Gelegenheit - in Heft 1 der „Dokumentum" vom Dezember 1926 - publizierte und in Heft 1 der „Munka" vom September 1928 Herbert Bayers Aufsatz „Typographische und Propagandamittel" druckte. 4 9 Ein Beleg für Kassáks Interesse ist zudem, daß er über das im Juni 1928 erschienene Buch „Die neue Typographie" von Tschichold bereits in der Januar-Nummer 1929 seiner Zeitschrift einen Bericht brachte. 50 Wie die ohne Großbuchstaben gedruckten Teile des Poems „Das Pferd stirbt und die Vögel fliegen hinaus" sowie der sog. numerierten Gedichte bezeugen, verwendete Kassák die Kleinbuchstaben als Dichter und als Typograf seiner eigenen Gedichte bereits Anfang der zwanziger Jahre. In „Munka" hielt er nicht nur die Titelköpfe in Kleinbuchstaben, sondern auch das Inhaltsverzeichnis und die kulturellen Anzeigen auf der Innenseite des Umschlagblatts. Bei der typografischen Gestaltung der Innenbögen schloß er sich der Avantgarde-Typografie über die Verwendung des Dekors aus Linie und Zeitschriftentitel hinaus dadurch an, daß er die Texte innerhalb einer Spalte mittels Linie trennte und die Überschriften in der Zeitschrift mit Versalien halbfett und serifenlos druckte. Zugleich aber ließ er die in den Spalten plazierten Texte, abweichend von der Bauhaus-Praxis nach 1925, mit Antiqua setzen. Das gleiche Verfahren befolgte er vordem bei der typografischen Gestaltung von „Ma", „Buch neuer Künstler", „Buch der Reinheit" und „Dokumentum". Bereits Anfang der zwanziger Jahre erkannte er, worauf Tschichold erst später aufmerksam wurde: Die bei den Konstruktivisten, insbesondere den Bauhäusler-Typografen beliebten grotesken (das heißt serifenlosen) Buchstabentypen eignen sich eigentlich mehr nur als Titelbuchstaben, in einem längeren Satz sind sie ermüdend fürs Auge und wirken der Lesbarkeit entgegen. 5 1 Die Hefte von „Munka" sind hinsichtlich des Verhältnisses zur Typografie der Avantgarde Belege für die Klassizisierung: Die Neuerungen stehen im Zeichen zweck- und aufgabengerechter Verwendung, es dominiert die auch vom Konstruktivismus als wichtig erachtete Brauchbarkeit in der Praxis. In Kassáks werbegrafischen Arbeiten finden wir ab Mitte der zwanziger Jahre in der Rolle des Blickfangs zunehmend häufig das Foto oder die Fotomontage. Die Koppelung von Elementen unterschiedlichen Charakters und Ursprungs als technisches Verfahren und Schaffensmethode ist in seinem Werk bereits seit Anfang der zwanziger Jahre gegenwärtig. Die Reklamearbeiten mit Foto und Fotomontage sind in dieser Hinsicht als Fortsetzung der vordem mit Typo- und Zeitungscollagen begonnenen Serie anzusehen. Auch der Absicht nach ist die Kontinuität da: Aufmerksamkeit zu erregen, ja provozieren zu wollen kennzeichnete auch die dadaistisch und konstruktivistisch isnpirierten Collagen. Hinzukam nun die Erkenntnis, daß das Wecken von Assoziationen und der Einsatz von „visuellen Zitaten", die bestimmte Eigenheiten des offerierten Gegenstands sinnlich veranschaulichen, wirkungsstarke Methoden der Werbung sein können. Als dafür infolge seiner Objektivität, Exaktheit und uneingeschränkten Fähigkeit der Fixierung besonders taug74