Csaplár Ferenc szerk.: Lajos Kassák / Reklame und moderne Typografie (1999)

Ferenc Csaplár: Lajos Kassák, der Buch- und Werbegestalter

lieh bot sich das Foto geradezu an. Dank dieser Eigenschaf­ten eignete es sich auch zur Verwendung in Kompositionen mit geometrischen Elementen. Aus dieser Koppelung, die­sem Zusammentreffen von Konkretem und Abstraktem, re­sultierte in der Werbegrafik eine neue Spannung zur Ver­stärkung des Effekts. Eine Aufwertung des Fotos in Kassáks Arbeiten begann bereits 1922. Bei der Gestaltung des „Buchs neuer Künst­ler", das heißt beim Ordnen der von Moholy-Nagy gesam­melten Bau- und Maschinenfotos sowie der Reproduktionen von Werken der bildenden Künste erkannte er die Fähig­keit des Fotos, industrielle Zivilisation, Großstadtleben, Welt der Vorstädte und Fabriken sinnlich-anschaulich wiederzu­geben, Gedanken und Bestrebungen zu illustrieren, sowie die Möglichkeiten, die in der Kombination von Fotos und bildkünstlerischen Kreationen stecken. 5 2 Die Aufwertung kündigte sich nicht nur in der Anthologie an, sondern auch in dem Umstand, daß Kassák einen Teil des Fotomaterials in der Jubiläumsnummer der „Ma" vom 1. Mai 1922 publi­zierte und zur Illustration der Bestrebungen des Konstrukti­vismus in fast jeder weiteren Nummer der Zeitschrift Maschi­nen- und Baufotos zu finden waren. Diesen Wandel in der Anschauung beschleunigten einesteils die 1920 einsetzen­den großen Neuerungen im Fotografieren sowie die damit verbundenen Arbeiten von Moholy-Nagy sowie den deut­schen und russischen Avantgardisten; zum anderen trachte­te er als Prosaautor schon ab Ende 1923 nach der Fixierung der Realitäten des Lebens im Alltag: Weihnachten 1923 be­gann er seine Autobiografie „Ein Menschenleben" zu Papier zu bringen, und nach der Heimkehr aus dem Exil verfaßte er eine Reihe von Zeitromanen. In der 1927 durch Ernő Kálla­is Artikel „Malerei und Fotografie" in der Amsterdamer avant­gardistischen Zeitschrift „i 10" angefachten Debatte summier­te er seine mehrjährigen Erfahrungen, indem er die Foto­grafie als „Repräsentantin einer neuen Zivilisationsepoche" kennzeichnete: „Das Auge des Malers hat subjektives, die Linse des Aufnahmeapparates ist objektives Sehvermögen. Dieses objektive Sehen und das antipsychische Wesen des Aufnahmeapparates stellen die Fotografie in unserer Zeit, wo wir nach Kollektivität und nach strengen Konstruktionen streben, über die Malerei." 5 3 Das Foto oder die Fotomontage erscheint zuerst in Bild­architektur-Strukturen. 5 4 Kassák selbst hat nie fotografiert. Den Aufnahmen anderer entnahm er die dem Gegenstand und dem Zweck der Reklame gemäßen Ausschnitte, die dann, in der grafischen Komposition plaziert, die Rolle eines inhaltlichen Zentrums des Plakats oder Umschlags einnah­men. Auf die innere Verbundenheit der literarischen und der werbegrafischen Bestrebungen Kassáks weist hin, daß auf den Buchumschlägen der Reihe „Der neue ungarische Ro­man", in der die Alltage der ungarischen Wirklichkeit und die gesellschaftlichen Probleme der Zeit offengelegt werden sollten, als für die Werke jeweils kennzeichnende Elemente Fotografien eingesetzt wurden. Es ist kein Zufall, daß Kassák seine erste Fotomontage für die 1927 erschienenen ersten drei Bände seiner inhalts­reichen Autobiografie anfertigte, in welcher individuelles und gemeinschaftliches Schicksal geschildert sowie persönli­ches, gesellschaftliches und literarisches Programm glei­chermaßen zum Ausdruck gebracht werden. 5 5 Das Polydi­mensionale im literarischen Werk verlangte nach der An­wendung der auf dem Prinzip des Simultanismus basieren­75 den Montagetechnik, das heißt nach der Koppelung von Ausschnitten aus Aufnahmen, die zu unterschiedlichen Zei­ten an unterschiedlichen Orten gemacht worden waren. Das Foto von Kassák, auf dem er in ganzer Gestalt zu sehen ist, wurde aus einem Gruppenbild von einem am 22. März veranstalteten „Ma"-Abend ins Zentrum einer Montage ver­setzt, in der Großstadt, Fabriken und Mietskasernen bildlich zitiert sind; das andere Element der Montage ist eine auf die weltanschauliche Position verweisende breite rote Linie, die hinter Kassáks Gestalt aufwärts verlaufend die Fotomonta­ge mit den schwarz-rot gedruckten Titelzeilen verbindet. Auf einer Fotomontage zur Werbung für die Druckerei Hungaria vermitteln Partien von Fotoaufnahmen unterschiedlichen Maßstabes dank der wechselnden Perspektive den Dyna­mismus des Arbeitsprozesses. 5 6 Kassáks Montagekunst ist durch die Themen- und Mo­tivwahl sowie durch mehrere Merkmale der Strukturierung mit der Montagekunst der russischen und der deutschen Avantgardisten verbunden. Diese Verbundenheit wird auch durch unmittelbare Verweise signalisiert. Als ein Zeichen be­sonderer Aufmerksamkeit und Anerkennung für die russi­sche Montagekunst mag gelten, daß zu dem Buch „Az orosz filmművészet" (Die russische Filmkunst) von Lajos Gró Kas­sák einen Umschlag mit der Kreation einer Fotomontage entworfen hat. 5 7 Auf John Heartfields satirische Fotomonta­gen machte er als Herausgeber der „Munka" bei Erscheinen von „Deutschland, Deutschland über alles" bereits 1930 auf­merksam. 5 8 Mit Kassáks Namen ist auch die erste Publika­tion einer Heartfield-Fotomontage in Ungarn verbunden. 1932 erschien in der Buchreihe von „Munka" Hans Jägers „Mi a hitlerizmus?" (Was bedeutet Hitler?). 5 9 Den Umschlag dazu entwarf Kassák unter Verwendung der Fotomontage Hans Jäger: Was bedeutet Hitler? Bp. 1932 / Umschlag / Kat 160.

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