Csaplár Ferenc szerk.: Lajos Kassák / Reklame und moderne Typografie (1999)
Ferenc Csaplár: Lajos Kassák, der Buch- und Werbegestalter
W/Mi Ma - Collage, 1921 / Kat. 7. mittels Linien eine Struktur kreiert, Kapitelüberschriften als ganzseitige Kompositionen zu gestalten. Aus den meist 1927-28 entstandenen Buchumschlägen, deren grafische Partien auf unterschiedliche Varianten eines Systems von senkrechten und waagerechten Linien zurückgehen, kann eine regelrechte Serie zusammengestellt werden. 3 6 Das konstruktivistische Kreuz, die Schnittstellen von senkrechten und waagerechten Linienführungen bzw. Letternhöhen kommen auch im Briefkopf zur Werbung für die Zeitschriften „365" und „Dokumentum" vor. Die Spalten dienen nicht nur als Zierde bzw. als Strukturierungsmittel und zur besseren Überschaubarkeit der Informationen, sondern mitunter auch als Blickfang. Ein solches Element ist sie auf dem ersten Plakat für die Zeitung „Magyar Hírlap" (Ungarische Zeitung), bei einem Teil der kommerziellen Anzeigen in „Dokumentum" und auf dem Titelblatt der ersten Nummern der Zeitschrift „Munka" (Arbeit). 3 7 Ein weiteres Kennzeichen der Werbegrafik von Kassák ist der häufige Gebrauch der Farbkombination Schwarz-Rot; diese Paarung kann man in der Geschichte der Typografie bis Gutenberg zurückverfolgen und war in den zwanziger Jahren die meistgebrauchte Kombination der avantgardistischen Typografie, wobei Rot aufgrund seiner Geartetheit, zumal seiner unvergleichlich weit reichenden Leuchtkraft zur Effektsteigerung besonders geeignet ist. Hinzukam nach den sozialistischen Revolutionen auch noch die politische Aussage. Es genüge der Verweis auf Bilder in Kassäks 1919 entstandenen Gedichten und auf den damaligen roten Titelkopf der „Ma"-Hefte. An den schwarz-rot gedruckten Titelblättern ist nicht nur die fachliche Fundiertheit, sondern auch die Absicht der Signalisierung eines politischen Engagements ablesbar. Quadrat und Kreis, Elemente größerer und geringerer Abmessung, horizontale und vertikale Strukturen, bedruckte und leere Flächen, Rot und Schwarz innerhalb ein und derselben Komposition - daraus erwächst eine ganze Reihe von Gegensätzen. Daß dabei eine Absicht zur Schaffung von Spannungen am Werk war, verrät auch die asymmetrische Anlage der Kompositionen. Der Zweck der spürbaren komponierten Unruhe ist letztlich wiederum die Steigerung des Effekts. Die gemeinsame Präsenz von Harmonie und Spannung kann in Kassäks Entwürfen für Werbebauten ebenfalls beobachtet werden. 3 8 Ein immanenter Gegensatz besteht im Fall des mit 1924 datierbaren ersten bekannten Werbekiosks zwischen den hochragenden Reklamewänden und den Kubenformen des Briefkastens und des Zeitungskiosks, desweiteren aufgrund der Farbgebung und der Positionierung zwischen den Reklamewänden und infolge der senkrechten und waagerechten Satzrichtung zwischen den Aufschriften an den Reklamewänden. Ähnlicherweise sind Harmonie und Spannung, Ruhe und Bewegung zugleich gegenwärtig im Entwurf zum Werbebau, wie er im „Buch der Reinheit" abgedruckt ist. Kassäks werbegrafische Arbeiten ab 1921 sind aufgrund ihrer spezifischen Eigenheiten im Strom der im internationalen Maßstab verlaufenden Erneuerung zu sehen, und zwar als Leistungen, die diesen Prozeß auch selbst vorantrieben. Es sind mehrere Stränge, durch die sie mit dem Weimarer Bauhaus und den in Werkstätten der Avantgardisten in Berlin, in Hannover, in den Haag und der russischen Konstruktivisten verbunden sind. Jan Tschicholds zusammenfassende Charakterisierung der werbegrafischen Bestrebungen in den konstruktivistischen Bewegungen, entstanden und publiziert 1925 in der Studie „elementare typographie", trifft Punkt für Punkt auch auf Kassäks Arbeiten zu. 3 9 Kassäks werbegrafische Arbeiten stehen tatsächlich seinen sog. Bildarchitekturen am nächsten; es sind „funktionalisierte Bildarchitekuren", das heißt geometrische Kreationen, die durch den Einbau von Texten informativen Inhalts werbegrafische Arbeiten geworden sind. 4 0 Kassák löst die angewandt-grafischen Aufgaben meist als bildender Künstler: er fertigt werbegrafische Arbeiten aus Formen und Schemen, die er als Tafelbildmaler und Grafiker geschaffen hat, indem er diese mit geringen - mitunter auch gar keinen - Änderungen verwendet. Der Blickfang auf dem Titelblatt der Anthologie „1924" ist die in der „Ma" vom 15. November 1923 bereits erschienene schwarz-rote Bildarchitektur. Das Titelblatt zu dem Gedichtband „Énekeinek és meghalnak" (Sie singen und sterben) von Tibor Déry kann gleich von zwei früheren bildkünstlerischen Arbeiten hergeleitet werden: von einer Collage aus einem Kreis und leicht diagonal verlaufenden Linien sowie von einem Gemälde mit gleicher Struktur. 4 1 In den Werbegrafiken sind die gleichen beiden Grundstrukturen präsent wie in den Bildarchitekturen: die eine ist durch die waagerechte und senkrechte Anlage der Struktur gekennzeichnet, die andere durch die Verwendung einer leicht schräg gestellten, aber nicht ganz diagonal verlaufenden Achse. 4 2 Als abstrakte geometrische Kreation und somit spezifische Variante der Bildarchitektur ist auch ein Teil der Linien-, Letternhöhen- und Balkenstrukturen anzusehen, die zur Lösung werbegrafischer Aufgaben hergestellt wurden. Häufig erscheinen selbst die Buchstaben als geometrische Gebilde mit bildkünstlerischem Effekt. Beispiele 72