József Antall szerk.: Aus der Geschichte der Heilkunde / Orvostörténeti Közlemények – Supplementum 13-14. (Budapest, 1984)
Der Lebensweg von Ignác Semmelweis, 1818—1865 (J. Antall)
Nach seiner Rückkehr machte er sich mit neuen Kräften an die Arbeit. Die Zahl der Toten nahm sprunghaft zu, im April betrug sie neuerlich 18 Prozent. Heute wissen wir bereits, daß Semmelweis zum Teil selbst den Tod der kreißenden und gebärenden Frauen verursachte, als er aus dem Seziersaal geradewegs zu seinen Patientinnen eilte. Da erhielt er die Nachricht, daß während seiner Abwesenheit sein Freund Kolletschka, Professor der gerichtlichen Medizin, verstorben war, weil einer seiner Schüler ihm beim Sezieren die Hand verletzt hatte. Beim Studium des Sektionsprotokolls stellte er plötzlich fest, daß das Krankheitsbild des an Pyämie gestorbenen Professors und der an Kindbettfieber verschiedenen Mütter gleich war. „Tag und Nacht verfolgte mich das Bild der Krankheit Kolletschkas, und mit ständig wachsender Entschiedenheit mußte ich eingestehen, daß die Krankheit, an der Kolletschka gestorben war, und jene, an der ich so viele Hunderte von jungen Müttern hatte sterben sehen, ein und dieselbe war." Einige ausländische Autoren, unter ihnen in erster Linie der vor einigen Jahren verstorbene Forscher Podach, bezeichnen die Rolle des Todes von Kolletschka in der Entdeckung Semmelweis ' als romantisch. Da Semmelweis mehr als einmal die Geschichte der Entdeckung auf diese Weise darstellt, ist es schwerer an seinen Worten zu zweifeln als an den „kritischen" Hypothesen seiner Biographen der Nachwelt. Wer wollte bezweifeln, daß die forschende und untersuchende Methodik der Wiener Schule die Grundlage und den wissenschaftlichen Hintergrund der Entdeckung geliefert hat? Doch es spricht auch nichts dagegen, daß der erhellende Funke der Erkenntnis, die endgültige Assoziation die aus dem Tod Kolletschkas gezogene Konsequenz gab. Semmelweis erkannte, daß die Ursachen in beiden Fällen die gleichen waren : „es waren die Leichenteilchen, die in das Blutgefäßsystem gelangten ". Die Übertragenden waren keine anderen als die untersuchenden Ärzte und Studenten, die in ständiger Berührung mit den Leichen waren. Das Händewaschen mit Seife — wie das auch der Geruch verriet — entfernte keineswegs die an den Händen haftenden Leichenteilchen. Die Hebammenschülerinnen kamen kaum mit Leichen in Berührung, sot ist es zu erklären, daß die Sterberate in der II. Abteilung niedriger war. Man benötigte also ein Desinfektionsmittel, das das „Leichengift" vernichtete. Nach dem Ausprobieren mehrerer Chemikalien entschied er sich für Chlorkalk. Im Mai 1847 ging er zum Händewaschen mit einer Chlorlösung über. Dazu verpflichtete er auch die Ärzte, Studenten und das Pflegepersonal. Das Ergebnis zeigte sich umgehend : die Sterberate betrug im Juni 2,38, im Juli 1,20 und im August 1,89 Prozent. „Im Oktober 1847 wurde eine Krebskranke " in die I. Abteilung aufgenommen. Von ihren zwölf Zimmergenossinnen starben elf. Semmelweis erkannte nun, daß nicht nur Leichenteilchen, sondern auch die aus dem lebenden Organismus stammenden „zerfallenen organischen Stoffe" das Kindbettfieber verursachen können. Jetzt ordnete er das Hände22