KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

VII. „Die Tragödie des Menschen" von Madách und die „historische Einzelbilderreihe" des modernen Totentanzes

- 172­Fleischmasse und Wolle. Dann zeigt der Ge­lehrte seine Mineralien-Sammlung. Die Kohle ist schon eine Rarität geworden. Einst, in ural­ten Zeiten, konnte sich der Mensch diesen Stoff frei aus der Erde holen, heute muss er aus der Luft gewonnen werden. Auch das Eisen ist zur Neige gegangen Das Gold war einst ein merkwürdiges Erz, aber äusserst unnütz. Der Mensch erhielt für Gold alles in Tausch, sogar Brot, und hielt dass gleissende Metall im blin­den Glauben für allmächtig, und opferte für sei­nen Besitz Wohlleben, Recht und alles was ihm heilig war. Dann zeigt der Gelehrte die letzte.Rose. Eine unnütze Blume, die der schwan­ken Ähre oft den besten Boden nahm. Sie diente auch zur zwecklosen Schwärmerei und Poesie, aus deren trügerischen Träumen dieses Museum zwei Exemplare aufbewahrt : Homer und den Agricola des Tacitus. Diese Werke darf ein Mitglied des Phalansters erst lesen, wenn er schon über sechzig ist, da diese Werke auf einen Nichtgelehrten einen sehr unvorteilhaften Ein­druck machen, er fällt in die Krankheit der Schwärmerei und wird arbeitsunfähig. Auch die Amme darf von Märchen nichts mehr sprechen, nur von Äquationen und von Geometrie. Im Museum befindet sich ein Kanonenrohr mit der Aufschrift : Ultima ratio regum, aber die Bestim­mung dieses Gerätes weiss der Gelehrte nicht. Auch ein Schwert wird aufbewahrt, das aus­schliesslich zu Menschenmord gedient haben soll. Adam kann auch eine wunderbare Malerei betrachten, die der Gelehrte für eine unnütze Arbeit und Mühe hält, da ja die Sonnenstrah­len heute dieselbe Arbeit in einigen Sekunden verrichten Die heutige Welt braucht keine Kunst mehr. Wozu die Blumen auf dem Kelch und die abenteuerlichen Arabesken am Stuhle ? Schmeckt ein Trunk aus diesem Becher besser ? Ist der Sitz auf diesem Stuhl weicher ? Jetzt verrichten diese Arbeit die Maschinen in einer zweckmässigen und einfachen Form. Die Ge­währ für die Vollkommenheit des Erzeugnisses liegt darin, dass ein Arbeiter, der heute Schrauben macht, seinen Lebtag unabänderlich dabeibleibt. Das gefällt Adam nicht. Aus einem solchen Werk fehlt die Individualität, die den Lehrmei­ster überträfe. Der Geist findet keinen Spielraum. Auch in der Wissenschaft hat sich Adam ge­täuscht 1 Dieses Leben ist eine fade Kinder­schule. Die herrschende Idee der heutigen Zeit — erklärt der Gelehrte — ist eben nur : Wie das Leben fristen ? Als der Mensch auf der Erde erschien, war die junge Erde eine wohl­gefüllte Speisekammer, der Mensch hatte Müs­se, Reiz und Poesie zu suchen und prasste gleich einer Käsemade. Aber jetzt muss die Menschheit einsehen, dass der Käse zur Neige geht. In viertausend Jahren kühlt die Sonne aus. Die Erde wird keine Pflanzen erzeugen. Die Wissenschaft muss für die Sonnenglut einen Ersatz finden. Zur Heizung kann am besten Wasser dienen. Das Geheimnis des Lebens muss die Wissenschaft entdecken. Der Gelehrte be­trachtet seine Retorten und glaubt, in der be­weglosen Masse schon hie und da „das Leben" entdecken zu können. Eines einzigen Funkens bedarf es noch und es komm! der aus Wahl­verwandtschaften und Gegenwirkungen zusam­mengestellte Stoff zum Leben. Aber woher den Funken zu nehmen ? Auf die Frage Adams, ob die Wissenschaft diesen letzten Schritt finden wird, erscheint der Erdgeist und zersprengt den Destillierkolben. — Man läutet zur Rekreations­zeil. Die Bewohner des Phalansters stellen sich im Halbkreise auf ; eine lange Reihe von Män­nern und Frauen. Unter den Frauen Eva mit einem Kinde. Die Menschen haben keine Na­men mehr, sondern Nummern. Ein alter Greis tritt vor und nennt nach der Reihe einzelne Num­mern. Auch in dieser Menschengesellschaft leben unentwickelt grosse Talente, Charaktere, aber die gütige Ordnung der Wissenschaft lässt sie nicht zur Geltung kommen. Numero dreissig wird gerufen. Ein Mann tritt aus der Reihe Er hat den Kessel wieder über das Mass geheizt, seine Leidenschaft ist, den Phalanster in Ge­fahr zu bringen ; dafür muss er heute Mittag fasten. Adam erkennt diesen Mann, er war Luther. Numero siebenhundertneun ist ein ed­ler Mann, dessen Blut zu hitzig ist und ohne Grund immer Händel sucht. Er will nicht nach fremder Hilfe heulen, solange sein Arm gesund ist. Adam kennt auch ihn. Er ist Cassius, zu dessen Seite er einst bei Philippi focht. Diese schlechte Ordnung der Theorien kann also so verirren, dass ihr ein so hochsinniger Geist im Wege steht ? Numero Hunderteins war in seine Träumereien so versunken, dass, wie öfters, das seiner Obhut anvertraute Vieh ins Kornfeld ging. Zur Strafe muss er heute auf Erbsen knien — und er wird sogar auf Erbsen kniend schön träumen 1 Solche Rolle ist Plato zugefallen in der Gesellschaft, die er sich ersehnt hat 1 End­lich wird Michelangelo bestraft, da er seine Werkstatt gegen alle Ordnung verlassen hat, weil man ihn immer nur Stuhlbeine machen hiess, selbst diese in elendster Form. Er darf keine Änderung vornehmen, keine Verzierung anbringen 1 — Zwei Kinder haben die Zeit er­füllt, wo sie der Mutterpflege noch bedurften. Sie gehören jetzt ins allgemeine Pädagogium. Eva und noch ein Weib bringen ihr Kind her­bei. Adam erkennt Eva. Er verliebt sich in sie und will sie beschützen, als man ihr das Kind entreisst. Der Arzt untersucht die Schädelbil­dung der beiden Kinder : eines soll zu einem Arzte erzogen werden, das andere wird ein Hirte. Adam will Eva und ihr Kind mit dem alten Schwert verteidigen, aber Luzifer berührt ihn und er erstarrt. Nach der Meinung des Grei­ses spielt Adam ein verwegnes Spiel 1 „Wenn wir der einstigen Familie / Besiegtes Vorurteil aufleben lassen, / So stürzen alle die Errungen­schaften / Der heutigen Wissenschaft sofort zu­sammen". Nachdem Eva und ihre Genossin von der Kinderpflege frei wurden, fragt der Greis, ob sie nicht jemand — da sie wieder

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