KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

VII. „Die Tragödie des Menschen" von Madách und die „historische Einzelbilderreihe" des modernen Totentanzes

zu erproben, ist bei Madách die Zeit der Hand­lung nicht das Mittelalter, nicht die Zeit, in der Faust lebt, sondern die Zeit, als das erste Men­schenpaar noch im Paradiese gelebt hat. Die Wette des Teufels mit Gott ist schon das Grund­motiv des Buches Job im Alten Testament. Lu­zifer wettet mit Gott, dass er Job gottlos ma­chen, ihn gegen Gott stimmen kann. Goethe hat das „Vorspiel im Himmel" unter dem Ein­fluss des Volksbuches (aus dem XVII. Jahrhun­hundert) geschrieben, das auch mit einem Vor­spiel in der Hölle beginnt. Madách ist sicher durch Goethes Vorspiel auf den Gedanken ei­ner Einleitung gekommen. In der zweiten Szene der „Tragödie des Menschen" lebt das erste Menschenpaar glücklich im Paradiese. Zufällig will Eva das Obst jener zwei verfluchten Bäu­me kosten. Nachdem ihnen Gott den Genuss dieser Früchte verboten hat, erscheint Luzifer und verleitet sie auf der bekannten Weise zur Sünde. Adam und Eva werden aus dem Paradies ver­trieben, da sie den Unterschied zwischen dem Guten und Bösen kennengelernt haben. „Die Lüge siegt, die Erde geht zu Grund' 1" In der dritten Szene schlägt Adam zu einer Umzäu­nung Pflöcke ein. Die kleine Holzhütte ist sein Eigentum. Eva pflanzt eine Laube, um das Heim schön, behaglich zu machen. So lernen die ersten Menschen die Arbeit, das Eigentum und das Zuhause, das Heim, den Begriff der Familie kennen. Luzifer hat sie aus dem Para­dies hieher, in die Gegend ausserhalb des Pa­radieses begleitet. Obwohl auf die erste Szene auch der Geist Byrons gewirkt hat (z. B. „Kain"), sind die ersten drei Szenen doch teilweise ei­gene Erfindungen des Dichters. Die Geschichte des Sündenfalls ist selbstverständlich unverän­dert geblieben. Aber die Gestalt Luzifers stimmt mit der Gestalt des Mephistopheles sehr we­nig überein. Die Frage, ob Luzifer siegen wird oder nicht, wird nicht von Gott aufgeworfen. Luzifer will allein wetten und Gott nimmt seine Wette nur sehr unwillig an, da er Luzifer nicht als einen sich gleichwertigen Geist anerkennt. In den weiteren zwei Szenen wurde das Motiv der Wette mit dem Motiv der Versuchung und des Sündenfalls vereinigt. Das ist eine Wen­dung, die weder bei Goethe, noch in der Hl. Schrift vorhanden ist. Was ist also die Ursache, dass Madách schon in der zweiten Szene den aufgenommenen Faden fallen lässt und die Wette änderst ausführt, als Goethe? Luzifer versucht nicht einen Menschen, wie es Job oder Faust war, sondern „die Menscheit" , d. h. Adam. Im Begriff Adams wird hier, wie auch im Mittelalter, der Begriff der ganzen „Menschheit" zusammen­gefasst. Adam ist „Ev3ryman"-„Jedermann". Lu­zifer begleitet nach dem Sündenfall das erste Menschenpaar in die Welt und verlässt es nicht mehr. Während Mephistopheles kraft eines Ver­trages dem Menschen dient und Faust erst dann als sein Eigentum betrachten kann, nachdem er die Bedingung des mit dem Menschen geschlos­senen Vertrages erfüllt hat, gewinnt Luzifer die Wette schon durch den Sündenfall. Er will aber den Menschen gegen Gott hetzen und Gott, durch die Auflehnung des Menschen gegen den Willen des Schöpfers, demütigen. Das Recht Lu­zifers auf den Menschen wird nicht durch einen Vertrag begründet, sondern ist die natürliche Folge des Sündenfalls. In der dritten Szene ist Adam stolz, dass er durch Arbeit alles verdie­nen, erkämpfen muss. Nur das eine scheint seine Freiheit zu beschränken : wenn er springt, fällt er auf die Erde zurück und was weit ist, das sieht und hört er nicht. Luzifer will ihm das Rätsel lösen und beschwört den Erdgeist, damit dieser den Magnetismus und die Elektri­zität sichtbar macht. Adam ist aber auch damit nicht zufrieden, was ihm der Erdgeist sagt. Er will alles wissen, Luzifer hat ihm ja versprochen, dass er durch den Genuss der verbotenen Frucht allwissend werde. Da führt Luzifer das erste Menschenpaar in die kleine Holzhütte. Und auf Wunsch Adams will er ihnen durch Traumbilder einen Blick in die Zukunft der Menschheit gewähren, damit sie wissen, wofür sie kämpfen und weshalb sie leiden. Hier hat Madách ein neues Motiv mit dem alten ver­bunden, das aber ebenso alt, ja sogar noch älter ist. In einzelnen sehr alten Adamsagen äussert Adam ebenfalls den Wunsch, seine Zu­kunft zu sehen. Karl Weinhold 1 zitiert aus ei­nem alten Text : „In der ersten blijscap van Maria sendet Adam, als er den Tod nahen fühlt, seinen Sohn Seth zu dem Engel, welcher vor dem Paradiese Wache hält, um zu fragen, wann seine Qualen enden sollen und wie der Sün­denfall zu büssen sei". Auch die Handschrift Nr. 969 (XV. Jh.) der Wiener Nationalbibliothek enthält (fol. 219—20) die Legende von Adam, dem der Engel ein Reis aus dem Paradies schickt. Wird das Reis zu einem Baum heranwachsen, da ist die Erlösung der Menscheit nahe. Und aus dem Reis wird das Holz des Kreuzes. Man kann wohl mit Sicherheit annehmen, dass Madách diese Legende, welche in den ver­schiedenen „Adamsbüchern" und im „Buch der Biene" schon im Orient bearbeitet wurde, nicht gekannt hat. Ist also diese Wendung seine ei­gene Erfindung ? Es ist bemerkenswert, dass Madách gerade dort, wo er Faust nicht mehr nachahmt, die Geschichte der Menschheit darstellt. Es ist ja möglich, dass dieser Gedanke durch eine kon­sequente Übertragung des zweiten Teiles von Faust auf Adam entstanden ist. Luzifer will sein Ziel, die Verleitung des Menschen, die Ver­nichtung der Menschheit, durch Traumbilder erreichen. Er lässt Adam die ganze Geschichte der Menschheit miterleben. Die geschichtlichen Szenen stellt er so scharf ein, dass sie Adam in die Verzweiflung und in den Selbstmord trei­ben werden. Madách hat an der Wahrheit der Geschichte nicht geändert. Alle Triebkräfte der 1 Weihnacht-Spiele und Lieder. Wien. 1875. S. 328-29.

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