KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)
VII. „Die Tragödie des Menschen" von Madách und die „historische Einzelbilderreihe" des modernen Totentanzes
nicht nur das Vorgefühl des wahren Glückes, sondern das wahre Glück selbst besessen hätte. Auch „Die Tragödie des Menschen" von Madách ist ein Lebenswerk. Nur selbsterlebter Pessimismus kann für die Geschichte der ganzen Menschheit so tragische Folgen haben, wie in diesem Drama. Schon als Jüngling interessierte sich Madách für Philosophie, für Literatur, Geschichte der Vergangenheit und der Gegenwart. Die naturwissenschaftlichen und politischen Fortschritte seiner Zeit verfolgte er mit Begeisterung, aber nicht ohne Skepsis. Und der kaum dreiundzwanzigjährige, zurückgezogene Jüngling, der stille, solide und fleissige Student, dessen grösste Sorge seine Zukunft, seine Studien waren, verliebte sich in ein schönes, flottes, lustiges, aber leichtsinniges Mädchen, Elisabeth von Fráter. Nicht umsonst war die Witwe des früh gestorbenen k. u. k. Kämmerers, Emmerich Madách sen. über die Liebe und plötzliche Heirat ihres Sohnes erstaunt. Das Wesen seiner Frau blieb dem Dichter fremd. Er liebte die Einsamkeit, sehnte sich nach einem stillen, häuslichen, heimlichen Familienleben, sein Studierzimmer war sein Heiligtum, seine Kinder die einzige und grösste Sorge. Aber Elisabeth war eine Modedame, die gefeierte Gesellschafterin. Sie sandte ihrem Manne nur die Schneiderrechnungen und schien die Gesellschaft fremder Männer zu lieben, zu suchen und die Liebe ihres eigenen Mannes zu meiden. Nach dem Freiheitskriege 1848 folgte nach einer grösseren Krankheit ein noch grösseres Unglück. Als ein politischer Flüchtling im Hause des Dichters sichere Zuflucht fand, erschienen plötzlich die Gendarmen und verhafteten ihn. Als Madách nach seiner politischen Gefangenschaft nach einem Jahre (1853) wieder frei wurde und wegen einer Krankheit Budapest nicht verlassen durfte, hat ihn seine Frau nicht besucht. Sie lebte sorglos und lustig, machte Schulden, machte dem Dichter und seiner Mutter Vorwürfe. Sie heiratete nicht aus Liebe, sondern aus Berechnung. Noch einige Zeit versuchte der Dichter, der Frau alles zu verzeihen und liess sich, um den immerwährenden Familienzwist zu vermeiden, alles gefallen. Endlich liess er sich von ihr (im Sommer 1854) doch scheiden, zog sich in sein Elternhaus in Alsósztregova 1 zurück und opferte sich seinen Kindern und seinen Studien. Was er im Leben verloren hat, das wollte er durch die Dichtkunst wieder gewinnen „Die Tragödie des Menschen" begann er am 17. Februar 1859 und beendete sie am 26. März 1860. Das Werk besteht aus 15 Szenen. Die erste Szene entspricht dem „Vorspiel" der Faustdichtung. Deswegen hatte Johann Arany, dem das Drama in Handschrift zur Kritik übergeben wurde, wenig Lust, das Werk zu Ende zu lesen. Als er aber es doch zu Ende las, musste 1 Nógróder Komitat ; wo er am 21-sten Januar 1823 geb. wurde und wo er 1864 starb. er zugeben, dass „Die Tragödie des Menschen" keine Wiederholung der Faustsage sei. Und tatsächlich hat diese Szene mit dem Vorspiel des Faust nur einen Gedanken gemein. Der Herr sitzt auf seinem himmlischen Throne. Das Meisterwerk, die Schöpfung ist fertig und gut. Die Genien der Welten stürmen auf den göttlichen Befehl am Throne vorbei, die Himmelskörper beginnen ihren ewigen Reigen. Die Erzengel loben Gott, ihr Preislied gilt dem „Gedanken" der „Kraft" und der „Güte". Nur Luzifer findet keine Worte zum Lob Gottes. Vielleicht gefällt ihm die Schöpfung nicht?: Luzifer : Was sollte mir gefallen dran ? Dass ein'ge Urstoffe mit je andern Eigenschaften, Zu grössern, kleinern Kügelchen geknetet, Einander haschen, jagen, und sich schliess[lich In ein paar Würmern zu Bewusstsein auf[bläh'n, Bis alles gar, gesättigt, abgekühlt, Doch nur die tote Schlacke übrig bleibt. Die Eigenschaften dieser Stoffe hast du Vielleicht in ihnen selber nicht vermutet ; Und wenn, so kannst du sie gewiss nicht [ändern. Guckt einmal ihren richtigen Gebrauch Der Chemiker dir ab, so macht er's auch ..." Luzifer wirft Gott vor, dass er den Menschen nur zum eigenen Lob geschaffen hätte. „Schickt sich für einen ernsten Greis, wie du, / Ein Spiel, wies Kinderherzen nur erfreut?". Aber Gott weist seine Kritik zurück. Luzifer will der Grösse Gottes trotzdem nicht huldigen, da doch auch er — wie er meint, — seit aller Ewigkeit existiere. Die Welt hätte ja Gott nur deswegen geschaffen, weil er die schauerliche Leere, die so lang alles Werden gehemmt hat und ihn zu schaffen zwang, empfunden hat. War es denn nicht Luzifer, der stets verneinend überall dort war, wo Gott und vor allen Dingen lebte, die geschaffen wurden? „Hast mich besiegt',, — sagt er — „denn mein Geschick gebeut / im Kampf'zu unterliegen allezeit, / Doch neugekräftigt wieder zu erstehn. / Du zeugtest Stoff, und da gewann ich Spielraum, / Beim hellen Leben steht der blasse Tod, . . . Licht wirft Schatten, . . . Wo du bist, bin gewiss auch ich." Luzifer bekennt also selber, dass er „der Tod" sei, der das Leben, Gott, wie der Schatten das Licht, verfolgt. Luzifer wird von Gott Verstössen. Er verlangt aber seinen Anteil, da er ja mit Gott die Welt gleichzeitig geschaffen haben soll. Er bekommt im Paradiese zwei Bäume, die Gott verflucht. Aber dem Luzifer genügt ein Fussbreit Raum und wenn die Verneinung nur den kleinsten Halt gewinnt, hebt sie die Welt aus den Angeln. Diese Szene wirft die Frage auf, ob Luzifer durch diese zwei Bäume des Paradieses über die Schöpfung siegt oder ob die Schöpfung in Gottes Macht bleibt. Während Gott in Goethes Faust den Mephistopheles ausdrücklich zu Faust schickt, um ihn