KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)
IV. Das Vadomori
auch bei den heutigen Verhältnissen unmöglich, nach Vollständigkeit zu streben. Schon Douce hat in seinem zitierten Werke über die Totentänze auf zwei in England befindliche Vadomoriversionen aufmerksam gemacht. 1 Der Umstand, dass die Standesreihe der Vadomorigedichte an diejenige der Totentänze erinnert, entging aber schon Hilscher, Fiorillo und Langlois nicht. Endgültig festgestellt wurde aber das Verhältnis zwischen Vadomori und Totentanz von Stammler. Ihm folgend widmet auch Ellen Breede in ihrer Studie über die lateinischen und deutschsprachlichen Totentanztexte 2 dem V. m. ein besonderes Kapitel. Auch in diesem Werke wird die eigenartige Form der Vadomorigedichte gewürdigt. Nach einer meist sechszeiligen Einleitung, in welcher der Gedanke ausgeführt wird, dass dem Menschen das Nachdenken über den Tod nur Grund zum Schmerz gibt, und dass das Sterben seit der ersten Sünde der Ureltern ein allgemeines trauriges Schicksal der Menschheit sei, folgen die Distichenmonologe der einzelnen „Standesvertreter". In der ersten von den beiden Zeilen, die je einem Menschen in den Mund gelegt sind, nennt der Mensch sich nach Rang und Stand, erzählt, was er im Leben gewesen ist, und was er bedeutet hat, meistens mit grossem Selbstbewusstsein, wie wenn z. B. der König sagt, vielleicht auch mit einem Anflug von Ironie : „Ich bin ein König, welch eine Ehre, welch ein Ruhm für das Reich", oder der Bürgermeister sich ein Licht der Geistlichkeit und des Volkes nennt. In der zweiten Zeile zeigt der Betreffende seine Ohnmacht dem Tode gegenüber, z. B.: „Der ich stark gewesen war, bin matt (presul)". 3 Diese Konstruktion der Vadomoridistichen zeigt also ganz offen, aus welchen Elementen sie zusammengeknetet wurden. Die erste Zeile entspricht den Ständemonologen „Ich regier'alle", „Ich bet'für alle", „Ich streit' für alle" usw . . . Der zweite Teil aber weist noch immer die Spuren jener Priameldichtung auf, in welcher die Elemente, Dinge, Planeten, Menschenalter und Stände nach der Grösse ihrer Stärke, Kraft und Macht nebeneinander gestellt werden ! Wilhelm Fehse hat es sogar in drei verschiedenen Totentanzstudien ausgesprochen, dass die Vadomorigedichte in der Entstehung des ersten Totentanztextes eine grosse Rolle spielten. Und dies umso mehr, da er ja den Heidelberger „lateinischen Monologtotentanztext" überhaupt für die älteste Totentanzvorlage erklärt hatte, aus welcher nach ihm nicht nur der „vierzeilige oberdeutsche Totentanztext", sondern auch alle übrigen Totentanzfassungen abzuleiten wären. In seinen beiden ersten Studien über den „Ursprung der Totentänze (Halle 1 Bei Varianten werde ich hier wörtlich zitieren ; vgl. Douce, a a. 0. S. 24. 2 Vgl. a. a. 0. S. 17 if. 3 Vgl. Ellen Breede: Studien zu den lat.- und deutschsprachlichen Totentanzlexten . . . etc. Halle 1931, S. 19. 1907) und in der Abhandlung „Der oberdeutsche vierzeilige Totentanztext" 4 aus dem Jahre 1908 betont er diese wichtige Rolle der Vadomoritexte noch nicht in jenem Grade, wie in der dritten Arbeit über „Das Totentanzproblem" , 5 wo er nach einer Erwähnung der beiden von Douce zitierten Handschriften London, Ms. Bibl. reg. 8 BVI. (saec. XVI.) und Lansd. Ms. 397 (saec. XIV.) auf die Ähnlichkeit hinweist, welche zwischen dem „Heidelberger lateinischen Monologurtext" und dem sog. Erfurter Vadomori besteht, und nebenbei auch das schon von E. Mäle 6 besprochene Vadomorigedicht in der Hschr. Bibliothéque Mazarine Nr. 900, fol. 93 und die französische Version desselben im „Mireueur du monde" in dem Kodex Paris, Bibl. Nat. ms. fr. 7595 mit dem Anfang „Je vois morir : venés avant" nicht ausser acht lässt. Im Zusammenhange mit der letztgenannten Abhandlung Fehses liess dann W. F. Storck unter dem Titel „Das Vado mori" in demselben 42-sten Jahrgang der Zeitschrift für deutsche Philologie S. 422 ff. eine sehr interessante Zusammenstellung der verschiedenen Vadomorifassungen veröffentlichen, deren Material dann Wolfgang Stammler in seiner Studie über „Die Totentänze des Mittelalters" 7 noch mit der Angabe des Fundortes von zwei weiteren Vadomorigedichten bereicherte. 8 Stammler machte übrigens den Versuch, die Vadomorigedichte als „tituli" aufzufassen, welche ursprünglich Inschriften von Gemälden oder Kirchenfresken waren, wie die schon von mir oben besprochenen (vgl. oben S. 79 ff. 83 ff.) „ambrosianischen 'tituli' " und die Inschriften auf den romanischen Deckenmalerein zu St. Emmeram in Regensburg. 9 Aber Merkte und Endres stellen es eigentlich schon fest, dass die „tituli" selbst nicht einmal dem Volke zuliebe unter den Fresken angebracht wurden. Die eigentliche „Interpretation" der Bilder sollte die Predigt geben, wobei die „tituli" ihre vermeintliche Wirkung auf die Volksphantasie und somit auch auf die Gesamtheit der mittelalterlichen Kunst und Dichtung nicht mehr in jenem Masse ausüben konnten, dass aus ihnen im 4 Erschienen in der Zeilschr. f. deut. Philologie. Bd. 40. 1908, S. 67 ff. 5 Im 42. Bd. der Zeitschr. für deut. Philologie. 1910, S. 261—286, besonders S. 276 ff. 6 Revue des deux mondes. 1906. S. 653. 7 München 1922, S. 13 und 53. Anm. 18. 8 Wien. Nat. Bibl. Hschr. Nr. 1756, dem XV. Jahrhundert zugehörig, aus bayerischen Augustineikreisen nach Wien gebracht, fol. 38a—39a ; vgl. A. F. Schönbach : Sitzungsberichte der Wiener Akad. d. Wissensch. 156. 1908. II. Abh. S. 24. vgl. über diesen Text im Abschnitt über den Irrtum in der Darstellung der Todes- und Totengestalten ; weiter eine Fassung des XVI. Jahrhunderts (?) in der Handschrift zu Neuenburg bei Fulda : Nr. Aa 136, fol. 108b—108b*, wobei nämlich in der Hschr. die Zahl 108 irrtümlicherweise zweimal foliiert vorkommt. 9 Vgl. E. Steinmann: Die .tituli' und die kirchliche Wandmalerei im Abendlande vom V. bis XI. Jahrhundert. Beiträge zur Kunstgeschichte, N. F. 19. Leipzig 1892, S. 32 ff.; vgl. E. Jacobs : Aufsätze Fritz Milkau gewidmet. Leipzig 1921, S. 180.