KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)

II. Formale Versuche vor dem Vadomori als Pro-totypen der Vadomoriform

-154 ­sarabyatas et girovagas" (Kap. IX.) spricht der Dichter : „quare non cosideratis praesentis vitae brevitatem, huius mundi vanitatem, daemonis acerbifatem atque dei pietatem ?" — wie dies im allgemeinen in den Contemptus-Mundi­Gedichten üblich ist. Besonders scharf wendet sich der Dichter gegen die Weltgeistlichkeit (Kap. X.), welcher er alle erdenklichen Übelstände, Missgriffe und Sünden zu­schreibt. Die Rechtsgelehrten und Ärzte (Kap. XI ) sollten nach seiner Meinung den Armen gegenüber barmherziger sein und nicht immer so unersättlich nach weltlichem Reichtum trachten. Nach einer schönen Ermahnung an die studierende Jugend (Kap. XII.) folgen Lehren „ad va­gos" >Kap. XIII.) und „ad moniales" (Kap. XIV.), — wo­mit dann die Reihe der kirchlichen Stände endigt. Unter den weltlichen Ständen, die hier also, wie in manchen Totentanztexten von den kirchlichen abgesondert erschei­nen, spricht der Dichter erst zum Kaiser (Kap. XV.) und zu den Königen im allgemeinen (Kap. XVI), dann rügt er die Gewalttätigkeit der „principes et comites" (Kap. XVII.), schildert entrüstet, wieviel Unrecht die „milites" (Kap. XVIII.) tun und wieviel Tränen sie verursachen. Interes­sant ist es, wie der Dichter im XIX. Kapitel den „Kreis­lauf der Sünden" beschreibt. Weiter unten werden wir nach Köhler ein ähnliches Motiv der lehrhaften Literatur des Mittelalters besprechen : „rogat daemon ut eatis, de quiete ad laborem, de blandimentis ad furorem, de refrigerio ad ardorem, de gaudioque ad moerorem . . ." Nach einer Ermahnung „ad scutiferos" (Kap. XX.) schildert der Dichter, wie die Bürger (Kap. XXI) überall das Böse ruhig zulassen, wie sie in V\ ucher, Spielsucht und Un­keuschheit leben. Über das Leben der Kaufleute (Kap. XXII.) berichtend, erzählt uns der Dichter, wie der Kaufmann das „mare magnum" überschifft, bis nach Indien kommt und dann nach Hause zurückkehrend in seinem Heim Kinder findet, die er nicht erzeugte. Dann schildert dieses Ka­pitel, wie sich die Witwe und die Erben des Kaufmanns an seiner Bahre mit seinem Reichtum trösten. Nach einem Kapitel über die „falschen Verkäufer" (Kap. XXIII.) folgt eine Ermahnung an die Bauern (Kap. XXIV.). Der Dichter kannte scheinbar jenen Volksreim, den ich im Zusammen­hange mit der formalen Vorbereitung der Vadomorigedichte nach Köhler besprechen möchte, in welchem die einzelnen Stände sagen : Ich streit' für alle, ich bet für alle, ... usw. — und der Bauer sagt : Ich arbeit für alle ...: Rusticos aggredientes, bonos pie alloquentes, malos dure arguentes, sie loquimini dicentes : Qui pro cunctis laboratis, fidem Christi conservatis ..." Auch zu den „rebellischen Bauern" (Kap. XXVI.) hat der Dichter ein besonderes Wort und schliesst dann mit einer Ermahnung an die Weiber (Kap. XXVII.). Wie wir also sahen, entstand die „Standes­literatur" und „Ständedichtung" aus einer beson­deren Form der „Contemptus-mundi"-Werke. Im späten Mittelalter werden aus diesen „Stände­werken" ganz besondere Kunstformen, wie z. B. die Schachbücher. 4 In diesen wurden nach dem Vorbilde des lateinischen Schachbüchleins von Jacobus de Cessolis, — wie bei Heinrich von Beringen, bei Konrad von Ammenhausen, beim „Pfarrer zu dem Hechte", bei Meister Stephan und Jakob Mennel zu Konstanz — die Fehler und Pflichten der Stände nach der Form und den Standesfiguren des „schächzabelspils" be­sprochen, währenddessen in dem „Goldenen Spiel" von Meister Ingold, in dem Büchlein des „Meister Reuaus", im Buch „Des Teufels Netz" und in Hans Vintlers „Blumen der Tugend" die Motive der Standesliteratur schon wieder mit schwulstiger Allegorie und mit übertriebener Visionssucht vermengt werden. Von den verschiedenen Abzweigungen der „Contemptus-mundi"-Gedichte entwickelte sich die Familie der „Vadomorigedichte" am frühesten. In den nächsten Kapiteln möchte ich vor allem die Vorbereitung der Vadomoriform und die volkstümliche Grundlage dieser Gedichte untersuchen. II. Formale Versuche vor dem Vadon 1. Die „Die, ubi Die Versform der Vadomorigedichte ist das Distichon. Ihr Strophenbau heisst „versus ophi­tae" oder „paracterici" . Der Anfang des Hexa­meters und der Schluss des Pentameters ist in dieser Versform nicht nur eine Assonanz, sondern eine wörtlich gleichgebildete und als Refrain stets zurückkehrende Redewendung oder ein Satz, wie „Mundus abit"oder „Flere volo bzw. „Dulcis amica veni" A . . . und schliesslich auch „Vado mori /" Dieser Ausdruck bedeutet aber nicht : Ich gehe sterben ! Das „vado" ist hier nach der Einrichtung des mittelalterlichen Lateins ein Hilfszeitwort, welches futurumbildende Rolle bekommt. Es heisst also „Vado mori" eigentlich : „Ich werde sterben !" . . . 1 Meyer. Documents et manuscripts, Paris I, S. 169. 2 Vgl. Dreves. Anal. hymn. XLI, S. 165. 3 Mones Anzeiger VII, S. 586. ori als Prototypen der Vadomoriform sunt ?"-Literatur Zur Zeit, als die Vadomorigedichte noch unbekannt waren, verbreiteten sich schon ähn­liche formale Wendungen in dem Kreise der Contemptus-Mundi-Werke. Eine solche ist auch die immer wiederkehrende Frage: „Die, ubi sunt ?" . . . Schon im ersten Band meiner GTT habe ich jedesmal auf diese Wendung hinge­wiesen, wenn sie in irgendeinem Texte vorkam, sowie ich GTT Bd. I. S. 267a auch auf die For­mel „hodie — eras" aufmerksam machte. Uber die Wendung „Die, ubi sunt?" veröffentlichte C. H. Becker eine sehr wertvolle Studie mit dem Titel „Ubi sunt qui ante nos in mundo fuere?" in den „Aufsätzen zur Kultur- und Sprachge­schichte, vornehmlich des Orients" , einer „Fest­4 Vgl. Ehrismann, Gesch. d. deut. Lit. bis zum Ausgang des Mittelalters. 2. Teil, Die mittelhochdeut. Lit. Schlussband. München 1935, S. 632 ff.

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