KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)

I. Die „Contemptus-Mundi"-Literatur

- 152 — „drei bösen Freunde" der späteren Gesamtlegende. Wil­helm charakterisiert die gebildete, aber habgierige und geizige Klerisei, den bösen und guten Geistlichen, reiche Bischöfe, die arme Klöster heimsuchen, Dispensen ver­kaufen und die Amter kumulieren. Weiter spricht Wil­helm tVs. 761—846) über die Fürsten, die zum Schaden der Bauern kriegen, wünscht aber von den weltlichen Herrschern einen grösseren Kriegeifer gegen die Saraze­nen. Es folgen Vs. 847—1110 die Reichen, die ihre Un­tergebenen schinden, die Alten, die nicht an den nahen Tod denken, und erinnert sich an einen alten Philosophen, der all seinen Besitz gegen Gold verkaufte und dies dann ins Meer warf. Auch die Szene mit dem Reichen und dem armen Lazarus. Dann schimpft Wilhelm (Vs. 1111 —1166) über die Armen, die neidisch, lüstern, diebisch und faul sind. In einer Betrachtung zur Minderung des eitlen mensch­lichen Stolzes tVs. 1167—2058: Zweiter Teil des Gedich­tes) schildert Wilhelm (Vs. 1167—1434) die Niedrigkeit des Menschen. Tierische Brunst ist sein Ursprung, sein erster Schrei sei Weinen, das Leben seines Körpers ist / lauter Unreinigkeit, — und zuletzt wird er im Alter wie­der wie ein Kind. Es folgt Vs. 1777 ff. eine schöne Dar­stellung des immerwährenden Krieges zwischen der Burg der Tugenden und der Stadt der Laster. Wie in der „Pil­gerfahrt des träumenden Mönchs", herrschen hier in der „Burg der Maide" die Schutzherrinnen Geduld und Demut. Zur Burg der Tugenden führt ein enger Pfad, zur Stadt der Laster ein breiter Weg. Eine Reihe von symbolischen Gestalten belebt die beiden Behausungen. Im weiteren Verlaufe des Gedichtes erfahren wir nach der Schilderung der Stadt der Laster (Vs. 1895 ff.), dass in England Neid, Wollust und Trunkeinheit herrschen (Vs. 1993—2058) und bekommen eine Schilderung der Zustände der Kirche (Vs. 2059 ff.).. — E. Martin bespricht auch die übrigen Werke Wilhelms, u. zw. den „Roman von Fregus", in welchem er Chrestien de Troi nachahmt. Interessant ist sein Ge­dicht der „Bestiaire", eine Sammlung von meistenteils wunderbaren Erzählungen über Tiere, Vögel, Fische, selbst über wunderbare Steine, deren Eigenschaften, — wie die­jenigen des Gralsteines bei Wolfram von Eschenbach, — mystisch gedeutet werden. Die einzige Handschrift des Gedichtes „Besant de Dieu" befindet sich in Paris, Bi­bliothéque National ms. frangais 19525, früher fonds S. Germain 1856, nach älterer Bezeichnung 2560 , sie stammt aus dem Anfange des XIV. Jahrhunderts 1 In derselben Handschrift folgt knapp nach dem „Besant" ein anderes Gedicht Wilhelms, „Die drei Feinde (ennuie) des Men­schen" (fol. 125r ff.) : Anf. „Reis moz qui me sont enchar­gez, / Dont jeo me sui trop atargiez . . ." Schluss fol 129 : „Sa nobesce e sa dignete / E estre tut desherite". Es ist die orientalische Parabel vom Mann, der sich vor einem Einhorn flüchtet Seine drei Feinde sind : Einhorn, Drache und die beiden Mäuse 1 Das Thema erhielt der Dichter nach seiner eigenen Angabe von dem Bischof Alexander, der von Honorius III. 1224 zum Bischof von Lichfield und Coventry geweiht wurde und 12 8 zu Andover starb. Bei Wilhelm heissen die „drei Feinde" des Menschen : Fu­mee, degot und male moillier. Er deutet sie freilich mo­ralisch : Der Baum ist der menschliche Körper (Lebens­baum I), das Einhorn der Tod, der Drache die Hölle und die weisse und schwarze Maus sind der Tag und die Nacht. Nach diesem Ständegedicht des Guillau­me le Clerc (ca. 1170—1230) möchte ich gleich auf ein zweites Ständegedicht eines anderen Franzosen aufmerksam machen, auf das Werk „De l'estat du monde " des Rustebuef (aus Pa­ris 1250—1285), dieses eigenartigen Legenden­und Mirakeldichters, Morallehrers und Satirikers, dessen Gedichte nach den Handschriften der Pariser Nationalbibliothek von Adolf Kress­1 Unser Gedicht beginnt auf fol. 96r : „Dit du be­sant de dieu par Willaume", 3758 Zeilen, auf 108 Seiten. Anf.: „Pur ceo que jeo ne voil muscier . . ." auf. fol. 96r, und Schluss „Aveir si son besant, doble / Qu'il m en lot e sache bon gre I Amen" fol. 125r. ner 2 veröffentlicht wurden. Kressner benützte bei der Ausgabe hauptsächtlich den berühmten Fabliaux-Kodex Nr. 837 ms. fr. (A) in Paris. 3 Dieser französische Dichter des XIII. Jahrhun­derts bearbeitete das Contemptus-Mundi-Thema in mehreren Gedichten. Er schrieb z. B. ein Reimwerk mit dem Titel „La Bataille des Vi­ces contre les Vertus (ou Ci encoumence Ii Diz de la Mensonge . . . etc.), über den Kampf der Laster und der Tugenden. Ein zweites Gedicht von Rustebuef über das Leben und Treiben der Stände in der Welt und in der Kirche : De la vie dou monde (ou C est la complainte de Sainte Eglise), worin er über Rom, über die Fehler der kirchlichen Stände berichtet, weiter über die „schwarzen Mönche" (Vs. 126 ff.) und über den Orden der Zisterzienser, d. h. über die "weissen Mönche". Ausschliesslich über die weltlichen Stände handelt das Werk : „De l'Estat du Monde". In Verbindung mit den Jahreszeiten bespricht er das Leben der Stände und erwähnt Vs. 149 ff. auch Rollant, Olivier und Alixandre, und alle Mächtigen der Erde, die einst herrschten und dann spurlos ver­schwunden . . . Ein ähnliches Ständegedicht ist auch das Contemp­tus-Mundi-Werk des Gerhard von der Geist, genannt „Palpanista". 4 Ober dieses Werk schrieb Johannes Rich­ter in seiner Inaugural-Dissertation mit dem Titel „Prole­gomena zu einer Ausgabe des Palpanista Bernhards von der Geist" 5 und stellte die Handschriftenangaben über den Text mit grosser Gründlichkeit auf. 3 Er versah die einzel­nen Handschriften mit den Buchstaben von A bis Q. Im allgemeinen stammen die Handschriften aus dem XIV. Jahrhundert und verbinden den Text des Palpanisla mit irgendeinem Contemplus-mundi-Werk. Es ist besonders in­teressant. dass sich z. B. in der Papierhandschriít IV. Quart. 64 aus der 2. Hälfte des XIV. Jahrhunderts in der Universitätsbibl. in Breslau (anno 1374) nach dem Palpa­nista des Bernhardus Gestensis (fol. 2a—22a) auf fol. 93a — 102a ein Contemptus mundi folgt. Weiter befindet sich hier auf fol. 102a —104b ein „Consilium patris vel ma­gistri ad scolaiem" (ist dies nicht vielleicht eine lateini­sche Vorlage zum Trier-Homburger Gesamtlegendentext ?). Nachher steht fol. 266a—274b das Streitgedicht des „Theo­dolits", welches wir noch eingehend besprechen wollen (die Breslauer Hschr. ist bei Richter mit F versehen wor­den). Ähnlich auch in einer Hschr. zu Kopenhagen (0), Wolfenbüttel (L). Bernhard von der Geist, der den Palpa­nista nach 1246 begann und ihn ca. 1250 veröffentlichte, war erst Notar des Münsterischen Bischofs Rudolf von Holte (1226—1248) und erwarb später ein Kanonikat (um 1246—7). Sein Werk ist ein „Streitgedicht". 7 Schon in den 88 Versen des Gedichtes „Dialogismis veritatis, adulato­ris, iuslitiae" , in denen Bernhard v. d. Geist aus einem Gedanken Martials (Epigr. X, 72) ausgeht, folgte er dem alten Beispiele der „Synkrisis", der „Streitgedichte", wie es uns aus der „Psgchomachia" des Prudentius, aus dem „Conflictus veris et hiemis" (nach der bekannten dsopi­2 Wolfenbüttel, Verl. Julius Zwissler. 1885. 3 Weitere Handschriften: B. ms. fr. 1593, C ms. fr. 1635 und D ms. fr. 24432. 4 Vgl. Stammler, a. a. 0. S. 12—13. 52, Anm. 17. 5 Diss. Münster. Melle i. Hann. 1905. 6 S. 12 ff. 7 Vgl. A. Römer: Das literarische Leben in Mün­ster. In der Pestschrift zur Eröffnung des Neubaus der kgl. Universitätsbibl in Münster am 3. Nov. 1906. Mün­ster, Coppenrath, 1906, S. 57—136; über Bernhard von Geist und den Palpanista S. 68 ff. ; vgl. Jantzen, Ge­schichte des deutschen Streitgedichtes im Mittelalter. Bres­lau 1896. In „Germanistische Abhandlungen" Heft. 13.

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