KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)
ZWEITER TEIL. Entstehungsgeschichte der Grundmotive des Totentanzes
flehentlichen Weinens samt seiner Frau in die tiefe, gemeinschaftliche Grabhöhle hinabgelassen wird, wo er im unerträglichen Leichengestank eine grosse Menge von verwesten Toten und zerstreuten Knochen vorfindet. Der Gisant-Typ der Griechen, Römer und des Mittelalters ist — wie es die später angeführten Beispiele beweisen werden — eine klassische, bzw. christianisierte Übernahme des heidnisch-orientalischen Motivs. Ohne eine chronologisch begründete Gegenbeziehung feststellen zu wollen, kann mit Sicherheit behauptet werden, dass die Triumphszene der römischen Kaiserzeit, sowie gewisse Sonderheiten in der Gegenüberstellung von Lebenden und Toten einen ausgesprochenen orientalischen Zug kundgeben. Die Märchen der Sammlung „Tausendundeine Nacht", deren grosser Teil erst ca. 800 n. Chr. aus dem Persischen 1 ins Arabische übersetzt wurde, können für die orientalischen Beziehungen klassischer Motive alles eher als kompetent sein. Hier wurden sie nur angeführt, um an ihnen den orientalischen Grundcharakter kennen zu lernen. In Europa wurden ja die Erzählungen „Tausendundeine Nacht" in ihrer heutigen Form erst bekannt, als sie von Ant. Galland in französischer Übersetzung veröffentlicht wurden. 2 Trotzdem sind in den mittelalterlichen Märchensammlungen (Gesta Romanorum, Barlaam und Josaphat, Legenda Aurea) Reminiszenzen solcher orientalischen Märchenmotive erkennbar, welche schon in der ältesten Form der Sammlung „Tausendundeine Nacht" in reichster Ausbildung erscheinen. In ältester Form war diese Sammlung nur eine Reihe von selbständigen Erzählungen und erst im XIV —XV. Jahrhundert wurden sie in eine einheitliche Rahmenerzählung aufgenommen. Neulich hat man sogar den Versuch gemacht, in den einzelnen Märchen eine stufenartige Lösung des in der Rahmenerzählung aufgerollten Problems der weiblichen Treue und Untreue zu suchen und allen Märchen ein einheitliches Weltbild zu geben. 8 Weil aber gerade die Reisebeschreibungen Sindbads des Seefahrers zu jenen ältesten Märchen gehören, welche schon am Anfang des IX. Jahrhunderts, ja sogar vielleicht früher aus Indien auf dem gangbar gemachten Wege der Barlaam und Josaphat-Legende nach Afrika, Kleinasien und Europa wanderten, können die in diesen um 300 d. H. in Basra endgültig ausgebildeten Reisebeschreibungen dargestellten Todes- und Toten-Motive als ein wichtiger Beweis der textlich bestehenden Tradition dieser Motive zwischen 1 „Die 1000 Erzählungen", Hesar Elsane. 2 Les mille et une nuits, 12 Bde. Paris 1704.; vgl. weitere franz. Ausgaben von Mardrus 1899—1904. in 16 Bden ; und die Ubersetzung einer arabischen „Hundertundeine Nacht"-Sammlung von Gaudefroy-Demombynes : Les Cent et Une Nuits. Paris 1911. deutsche Übersetzungen von Weil, Habicht, Henning, Wolff usw. 3 Adolf Gelber : Tausend und eine Nacht. Der Sinn der Erzählungen der Scheherezade. Wien u. Leipzig. 1917, Osten und Westen betrachtet werden. Obzwar zur Zeit der Abassiden die semitischen Märchendichter die originelle Form der persischen Märchen vielfach veränderten und diese in die islamitische Kulturwelt versetzten, obwohl ägyptische Erzähler den Grundstock der Märchen mit phantastischem Flitterwerk reich beladen haben, ist diesen orientalischen Erzählungen in der Totentanzforschung kein minderer Geschichtswert zuzuschreiben, als der Barlaam und Josaphat-Legende. Wie allbekannt der Gisant-Typ im Orient war, beweist die Tatsache, dass selbst Christus ihn als Gleichnis benützt : „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler 1 weil ihr übertünchten Gräbern gleichet, welche von aussen her den Leuten zwar schön erscheinen, inwendig aber voll sind von Totengebeinen und jeglicher Unreinigkeit." (Matth. 23, 27.) Die Mahnungen zur Besserung werden bald mit dem Aufruf verbunden, die offenen Gräber zu besichtigen und so die Beschaffenheit des Menschenglückes kennen zu lernen. Dieses Motiv hat uns ein wertvolles Studentenlied aus dem XIII. Jahrhundert aufbewahrt : „Gaudeamus igitur, Iuvenes dum sumus ; (Post iucundam iuventutem,) Post molestam senectutem. Nos habebit tumulus (humus). Ubi sunt, qui ante nos In mundo vixere ? Abeas ad tumulos. Si vis hos uidere. Vita nostra brevis est, Brevi finietur : Venit mors velociter Neminem veretur." Die in die Frageform „Ubi sunt, qui . . . ?" zusammengefassten Gedanken über die Nichtigkeit der Stände wiederkehren im Mittelalter häufig mit dem Aufruf vereinigt, die Gräber zu betrachten. Ein Manuskript aus dem Jahre 1267 enthält ein Lied der Wanderstudenten : 4 f\ „Scribere proposui de contemptu mundano, Tarn est hora surgere de somno mortis vano." „Vita brevis, brevitas in brevi finietur ; Mors venit velociter et neminem veretur." „Ubi sunt, qui ante nos in mundo fuere ? Venies ad tumulos, si eos vis videre." Schon im V. Jahrhundert (ca. 450—460. n. Chr.) erscheinen diese Ideen erweitert durch Reminiszenzen, welche an die arabische Legende von A'dá Ben Seid und N'omán und an die Totengespräche Lucians erinnern, im Werke S. Prosperi Aquitani : Liber sententiarum ex operibus S. Augustini delibatarum. (Migne, Patr. lat. LI. Sp. 496, Nr. 610.) „De divitiis, etc. non superbiendum. (Cap. CCCXCII., alias CCCXC, ante CCCLXXXVIII.) „Divitiis flores, et majorum nobilitate te jactas 4 Edéistand du Méril: Poésies populaires latines du moyenäge. Paris, 1847, S. 125.; vgl. Ludwig Erk und F. M. Böhme Deutscher Liederhort. Leipzig, 1894. Bd. 3. S. 489.