KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)

ZWEITER TEIL. Entstehungsgeschichte der Grundmotive des Totentanzes

„Eheu! Nos miseros! Quam lotus homuncio nil est! Quam fragilis tenero flamine vita cadit ! Sic erimus cuncti, postquam nos auferat Orcus. Ergo vivamus dum licet esse bene." Mag sein, dass diese Stelle von Lukrez inspiriert wurde, 1 im allgemeinen ist sie aber doch Gemein­gut des Altertums und hauptsächlich der orienta­lischen Völker. Dabei war auch dasZiel dieserTo­tendarstellung nicht immer epikureistisch, wie das Plutarch 2 bestätigt. Derartige Gebräuche sollten einst zur gegenseitigen Freundschaft anstacheln und von Gottlosigkeit. abschrecken. Der Einfluss der Anschauung der Ägypter und anderer orien­talisch-heidnischer Völker war so instinktiv, dass ihn auch die hl. Schrift gelegentlich zur Geltung kommen lässt. „Wenn ich auch ausharre, ist doch die Unterwelt mein Haus, und in der Finsternis habe ich mein Lager aufgeschlagen. Zur Fäulnis sprach ich : Mein Vater bist du ! Mutter und Schwester seid ihr mir ! zu den Wärmen." (Job. 17, 13—14.) Diese aussergewöhnliche Betonung der vollständigen Vernichtung des Körpers ist heidnisch-orientalisch. Der Gisant-Typ ist allgemein menschlich, aber seine Darstellungsform, die mit ihm ver­bundenen Gebräuche, können die Übernahme einer fremden Tradition sein. Dies ist auch aus dem Wesen des weitverbreiteten Gisant-Typ­Gebrauches der römischen Triumphzüge ersicht­lich Auf dem römischen Triumphzug hielt ein Diener im Triumphwagen hinter dem Kaiser stehend rücklings eine Triumphkrone über das Haupt des triumphierenden Kaisers, indem er ihn laut rufend auf die Vergänglichkeit des Ruh­mes aufmerksam gemacht hat. Dieser Triumph­gebrauch ist orientalisch und wurde auch in der berühmten Märchensammlung „Tausendund­eine Nacht" 3 aufgezeichnet. „Wenn der König von Serendyb öffentlich er­scheinen will, so wird ihm auf einem Elefanten ein Thron bereitet, worauf er sich setzt, und so zieht er in der Mitte zweier Reihen einher, die aus seinen Ministern, seinen Günstlingen und anderen Hofleuten bestehen. Vor ihm auf demselben Elefanten, hält ein Beamter eine goldene Lanze in der Hand, und hinter dem Throne steht ein anderer, der eine gol­dene Säule trägt, auf deren Spitze ein Smaragd, un­gefähr einen halben Fuss lang und einen Zoll dick, angebracht ist. Voran eine Wache von tausend Mann, in Goldstoff und Seide gekleidet und auf reich ge­schirrten Elefanten reitend. So lange der Zug dauert, ruft der Beamte, der vor dem König auf dem Ele­fanten sitzt, von Zeit zu Zeit mit lauter Stimme : „Dies ist der grosse Monarch, der mächtige und furchtbare Herrscher von Indien, dessen Palast mit hunderttausend Rubinen bedeckt ist und welcher zwanzigtausend diamantene Kronen besitzt !" Wenn er diese Worte gerufen hat, ruft nun seinerseits der Beamte hinter dem Throne: „Dieser so grosse und mächtige Monarch muss sterben, muss sterben, muss sterben !" 1 De rerum natura, III. 925. 2 „Convivium Septem sapientium" Kap. 2.; „De Iside et Osiride" Kap. 17.; auch Sir J. G. Wilkinson: Raw­linson's History of Herodotus. London, 1875®, vol. II. S. 130. 3 hg. von Paul Ernst. Weimar, 1913. S. 89. Es ist ein Gisant-Typ besonderer Art. Der Be­amte, welcher vor dem König Indiens steht, ver­tritt „die eitlen Gedanken" des Menschen über Ruhm und Reichtum, er ist „die Freude am Le­ben" und trägt das Symbol der Macht, eine Lanze. Der Beamte, welcher hinter dem Könige steht, stellt den Freuden des Lebens „die trü­ben Gedanken über die Vergänglichkeit" gegen­über. Er ist die Personifikation des „Memento mori" und hält eine Grabsäule in der Hand, die über dem Grabe des mächtigen Herrschers er­richtet werden soll. Den sichersten Beweis für die tatsächlichen Zusammenhänge der römischen Darstellungsweise mit den Motiven des Orients liefert die bekannte Genien-Reihe der etruski­schen Malerei. 4 Ein schwarzer und ein weisser Genius zieht hier 5 den Triumphwagen des Herr­schers durch das als Triumphbogen primitiv ge­zeichnete Tor des Todes in die Unterwelt. Im Vergleich mit der indischen Darstellung ergibt sich zugleich auch eine Lösung des Problems, was eigentlich diese etruskischen Genien be­deuten wollen. Der schwarze und weisse Genius sind keine Personifikationen „des Todes". Auch mythologisch sind sie eher Personifikationen je­ner zwei Gedanken, welche auch von den zwei indischen Beamten vertreten wurden : der Freude am Leben (weisser Genius) und der trüben Verzweiflung des „Memento mori". Und später, als die zufällige Ähnlichkeit der christlichen Vorstellung von Engeln und Teu­feln mit der etruskischen vom guten (weissen) und schlechten (schwarzen) Genius erkannt wurde, hielt sich scheinbar auch Italien in der Darstellung der Engel und Teufel an die Tra­dition der Darstellung des etruskischen weissen und schwarzen Genius fest. Diese einfache symbolische Gegenüberstel­lung der Lebens- und Todesgedanken wird — wie gesagt — unter dem Einfluss des Orients schon frühzeitig mit der naturalistisch genauen Darstellung der Verwesungszustände des Toten­leichnams ersetzt. Diese genaue Beschreibung der zersetzten Leiche charakterisiert „die vierte Reise Sindbads des Seefahrers nach den sun­dischen Inseln" der „Tausendundeine Nacht." 6 Auf dieser Insel ist es Gesetz, mit dem gestor­benen Gatten auch die Gattin und mit der ge­storbenen Frau zugleich auch den noch am Le­ben gebliebenen Gatten lebend zu begraben. Auf den Wunsch des Königs muss auch Sindbad, ohne das erwähnte Gesetz zu kennen, heira­ten. Erst nachher erfährt er die ihm drohende Gefahr, lebendig begraben werden zu können, als er seinen Freund — dessen Frau gestorben ist und der nun mit ihr lebendig begraben wird — in höchster Verzweiflung zur Grabstätte beglei­ten muss. Bald darauf stirbt aber auch seine Frau. Hierauf folgt eine genaue Beschreibung der furchtbaren Gedanken Sindbads, der leben­dig in einen Sarg gelegt und trotz seines 4 s. Taf. I. Fig. 5-12. 5 s. Taf. I. Fig. 5. 6 s. a. a. 0. hg. P. Ernst. S. 67—77.

Next

/
Oldalképek
Tartalom