KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)
ZWEITER TEIL. Entstehungsgeschichte der Grundmotive des Totentanzes
— 146 Vorstellung des Todes Christi war im Orient von der abendländischen Auffassung insofern verschieden, dass man den Todestag Christi im Orient mit einem fröhlichen und triumphierenden Freudenfest feierte, während man im Abendland am Karfreitag trauerte. Die Auffassung des Todes als eines Freudenfestes ist also Entlehnung aus dem Orient. In den vorher zitierten Stellen ist zwar der Tod ein Tanz, aber es tritt noch niemand auf, um den Tanz zu leiten. In vielen mittelalterlichen Versen, Gesängen, Liedern, hauptsächlich zur Blütezeit der Mystik, tritt Christus als Vortänzer des Tanzes der Seligen im Paradies auf. Aber auch die hl. Jungfrau Maria führt die Verstorbenen zum himmlischen Reigen. Konrad von Würzburg sagt in der „Goldenen Schmiede" von der hl. Jungfrau Maria 4 Du gist in vor die tenze Dort in dem paradise. Im Loblied des Meisters Sigeher 2 heisst Maria „wunnentanz". Nach der Vorstellung der Mystik ist die Seele die Braut Christi und der Tod ist die Hochzeit der Seele mit ihrem himmlischen Bräutigam. Diese Vorstellung entstand durch die Übertragung des „Hoheliedes" auf das Verhältnis der Seele zu Christus. „Ein Badliedli" 3 lässt Christus den himmlischen Tanz anführen : Do fürt Jhesus den tanze mit aller megde schar ; do ist die liebi ganze on alles ende gar. Do ist ein liplich smiren und lachen iemer me ; do kan die sei hofieren mit fröiden on alles we. In einem französischen Gedichte fordert Christus seine Mutter Maria auf, mit Magdalena den Tanz des — übrigens ganz weltlich ablaufenden — himmlischen Hoffestes zu eröffnen. Maria singt hier ein altes Maitanzlied vor. 4 In einem deutschen Volkslied tanzen die Engel und musizieren. Sie loben die hl. Jungfrau. Dieses Lied stammt aus Ermland und ist die Darstellung der Trauer einer Seele, die im Bewusstsein einer Schuld nicht zu den Reihen der Engel zugelassen wurde : 5 Im himel, im himel ist freude vil, da tanzen di lieben engel, si haben ir spil ; si singen, si springen, si loben got, si preisen Maria, di mutter gottes. 1 hg. von W. Grimm Berlin 1840. Vers. 238—239. 2 v. d. Hagen : Minnesinger II, Sp. 219a. 3 W. Wackernagel, Altdeutsches Lesebuch Basel 1847 3. Sp. 977 Vs. 13/6. 4 „La court de paradis": Barbazon et Méon, Fabliaux et contes des poétes irangais des Xll —XV. siécles I. Paris 1808, S. 128-148. 5 0. Schade : Volkslieder aus Türingen. Sonderabdr. aus d. Weim. Jahrb. 111. S. 57: S. 58; K. J. Schröer: „Totentanzsprüch^" Germania 12. 1867 S. 284—309: Bornowsky: Wolfs Zeitschr. 1. deut. Mythologie II, 427. Arm seelchen, arm seelchen stund unter der tür und weinte da von herzen so sehr : „Ach seelchen, liebes seelchen, was weinest du ? wenn ich dich sehe, so dauerst du mich !" „Was sol ich nicht weinen, mein lieber got ! ich hab ja übertreten das zehnte gebot." „Hast du übertreten das zehnte gebot, so fall auf deine knie und bete zu got. Und bete zu got mit allem fleiss, so wirst du komen ins himelreich (paradeis) ; in's himelreich in di ewige stadt, da wo di freude kein ende hat". Nach Görres ist das Volksbuch „Warhaftige beschreibung des jüngsten gerichts im tal Josaphat" 6 mit einer Handschrift der „Sibyllen Weissagung" 7 aus dem Jahre 1428 identisch. Hier beauftragt Christus die hl. Jungfrau, die Seelen der Gestorbenen mit einer tanzenden und singenden Engelschar abzuholen und in den Himmel vor den Vater zu führen : Christus spricht : „Maria, du liebe muter mein, du solt nemen di megde dein, di engel und heiigen zweifboten groz ere haben si mir erboten ! Nim hin di heiligen und seelen al, und füer si hin mit frolichem schal, du solt si füeren maniglich, wol in das schone himelrich, da sollen si mit mir und dir gon, mein vater wird si empfangen schon ; ich wil euch manche trachten bringen, der heilige geist woll' euch vor singen : di heiligen engel füeren ir saitenspil, euer freud ist aus der maszen vil, mehr denn alle äugen mögen sehn oder alle mund und oren mögen denken, das alles wil euch mein vater schenken, und das alles hat bereit die hochheilige dreivaltikeit 1 In einem Weihnachtslied aus dem Jahre 1422 heisst es: „dö komen dar der engel spil/ und heten freud und kurzweil vil." Während im Text des Volksbuches die Toten erst am Jüngsten Gericht von Maria und den Engeln in den himmlischen Tanz geführt werden, sind Christus und Maria die vsxgoTtopnoi der mystischen Legendenliteratur. In einer Vision der Mechtild von Magdeburg lässt Christus die Feierlichkeiten zur Hochzeit der Seele vorbereiten und sucht jemanden, der zum Tanz aufspielen oder den Tanz eröffnen sollte. Nachdem er vergebens gesucht hat, führt er die Seele selber zum Tanz. 8 „Cum ergo nuptiae essent paratae, ait Dominus : Quis in hoc convivio officium gerat lusoris ? Et cum hoc dixisset, accipiens animam in manus suas fecit earn saltare". Von ihrem Tod singt die 6 Corres : Die teutschen Volksbücher S. 260. 7 Docen, misc. I. 94. 8 Revelationes Gertrudianae ac Mechthildianae, ed. Solesmensium 0. S. B. monachorum cura, II. Pictavii et Parisiis 1877, S. 69.