KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)
ZWEITER TEIL. Entstehungsgeschichte der Grundmotive des Totentanzes
die „Bewegung" bekam den Namen des mit eigenartigen Bewegungen begleiteten Spieles : „tanz". Auch das zweite Wort ist ein arabischer Ausdruck. „Macabre", der arabische Name für „Grab" mit dem kumulativen Präfix, „ma"-, verbunden, bedeutet „Friedhof, cemeterium" = arab. maqabru. Beide Wörter zusammen : „tanz maqabri (Genitiv)" bedeuten also soviel wie : „Spiel des Friedhofes, das auf eine besondere Weise des Einhergehens gespielt wird." Wie ich es schon im ersten Teil des vorliegenden Bandes in Beziehung auf die Totensagen angedeutet habe, kann man dieses arabische Kirchhofspiel mit keinem anderen mittelalterlichen Brauch identifizieren, als mit jenem sehr verbreiteten Kirchhofstanz, den das Volk vielleicht schon durch die altgermanische Mythologie geerbt, durch das Christentum vergessen, aber unter dem aus Spanien eindringenden arabischen Einfluss wieder eingeführt hat. Das Wort „Tanz" konnte nur durch den arabischen Namen des Kirchhofspieles in Europa verbreitet werden. Eine andere Möglichkeit gibt es kaum. Der „Toten-Tanz", seine Entstehung, hat nichts mit jenem arabischen Spiel zu tun. Wäre das der Fall gewesen, so sollten die „Toten-Tänze", sowie auch die „Todes-Tänze" schon im XII. Jahrhundert mit dem Wort „Tanz" gleichzeitig auftauchen. Aber auch der erste spanische „Todes-Tanz" sollte dann „danse macabre" heissen. Wie kam also der „TotenTanz" zu diesem arab. Namen ? Das wäre leicht zu beantworten. Als die ersten „Toten-Tänze" fertig waren, erkannte das Volk die Ähnlichkeit „der Art des Einherschreitens" auf den „Toten-Tanz"-Bildern — die, in La-Chaise-Dieu, Kermaria, Clusone, Paris usw. ziemlich konsequent durchgeführt wurde — mit jener „Art des Einherschreitens", die durch die „arabischen Kirchhofstänze, Kirchhofspiele" bekannt wurde. Wenn also der Toten-Tanz in seiner Entstehung mit dem Kirchhofstanz keine Verwandtschaft aufweist, — ausser der Form des Tanzes — so muss dieser Tanz andere, vom Kirchhofstanz abweichende Bedeutung haben. Im Mittelalter waren zwei Tanzformen verbreitet, der "ummegende" und der „springende" Tanz. 1 Im Toten-Tanz werden beide Tänze vertreten. Und zwar in den ältesten Toten-TanzWerken ausschliesslich der viel feierlichere, der „ummegende" Tanz, während der „springende" Tanz nur in späteren Toten-Tanz-Werken auftritt und kein originelles Motiv ist. Der „umgehende" Tanz war feierlich (Clusone) und sah eher einer Prozession, als einem Tanzreigen ähnlich. Die Tänzer zogen hintereinander einherschreitend rund um die Musiker oder wenn der Tanz mit einem Gesang begleitet wurde, um den Vorsänger (s. die Vortragsweise der „Ballade" nach Gragger). Jeder Tänzer liess 1 Altdeutsche Blätter 1, 1836. S. 52 ff. sich von dem nächst vorangehenden Tänzer an der Hand führen und hielt die Hand des nach ihm folgenden Tänzers. Diese Tanzform ist für die ersten Bilder La Chaise-Dieu, Kermaria, Clusone usw. charakteristisch. Die ersten Toten-Tanz-Bilder weisen nicht die kleinste Spur von einem „springenden" Tanz auf. Nach zeitgenössischen Beschreibungen war aber jener „Kirchhofstanz", den die Araber „tanz maqabri" nannten, ein wilder, ausgelassener Tanz. In den Bewegungen äusserte sich Scherz, Ekstase und Frivolität. Der Toten-Tanz mit seiner feierlichen Form des „ummegenden" Tanzes konnte dieses Motiv nicht von den wild springenden Tänzern des „Kirchhofstanzes" entlehnen. Woher stammt also das Tanzmotiv ? Wir haben schon erwähnt, dass die Toten des Toten-Tanzes eigentlich die Rolle des triumphierenden und mit Tanz und Gesang lockenden Todes spielen. Dieses wesentliche Motiv musste also der Toten-Tanz von der Todesgestalt erben. Nach mittelalterlicher Vorstellung ist der Tod ein Fest, eine „Hochzeit". _ Diesen Gedanken finden wir bei Freidank : 2 „Der töt daz ist ein höchgeztt, Die uns diu werlt ze junges git ;" Hier wird nicht umsonst auch „die Welt" erwähnt. Der Gedanke, dass die „Frau Welt" den Menschen in ihren Tanz zieht, war im Mittelalter allbekannt. 3 „Fest", „Hochzeit" und auch „Tanz" ist der Tod. Die Schar der Toten ist eigentlich eine Schar von Tanzenden. Freidank : Got tet wol, daz er verbot, Daz nieman weiz sin selbes töt; Wisten in die liute gar, Der tanz gewünne kleine schar. Die Menschen wären also selten lustig, wenn sie wüssten, wann sie sterben. Wie der Tod, so wird auch das Jüngste Gericht als ein Tanz aufgefasst. Wartburgerkrieg : 4 Swenne der tanz ein ende hät, Zwén reien siht man rüeren. 6 Das Sterben als Freudenfest ist schon ein orientalisches Motiv. Nicht nur das Leben, sondern auch der Tod eines Christen soll nach mittelalterlicher Anschauung die vollständige Nachahmung des Lebens und des Todes Christi sein. Man legt den Christen in einen Steinsarg, in einen einzigen ausgehöhlten Felsen, man wickelt den Leichnam in ein weisses Leichentuch usw. Die verschiedenen theologischen Auffassungen über den Tod des Erlösers wurden selbstverständlich auch auf den Tod eines Christen übertragen. Aber die 2 hg. Bezzenberger Halle 1872, 178, Vs. 12—13; 175, 12-15. 3 Reinmar von Zweter : hg. von G. Roethe. Leipzig. 1887. Strophe 203; Heinrich Frauenlob, hg. von Etmüller Quedlinburg 1843, 130, 1. 4 hg. Simrock Stuttgart 1868, 49, 7. 5 s. Stammler : a. a. 0. S. 22—24.