Markója Csilla szerk.: Mednyánszky (A Magyar Nemzeti Galéria kiadványai 2003/2)
László Mednyánszky im Spiegelbild kunstwissenschaftlichen Schrifttums: wissenschaftliche und kulturhistorische Beiträge - Árpád Tímár: Mednyánszky in der ungarischen Presse, 1876-1919
Der Meister wird das Ergebnis seines Gesamtwerkes ausstellen, infolgedessen wird die Ausstellung groß angelegt sein. Eine so große Veranstaltung hat es seit der Lotz-Ausstellung in Budapest nicht gegeben." 56 Der Plan wurde jedoch nicht realisiert, der Grund dafür nie bekannt gegeben. Auf der Winterausstellung der Kunsthalle im Jahr 1909 stellte Mednyánszky erneut mehrere Werke aus, darunter ein Bild mit einem Stadtstreicher, das den Titel Tűz mellett [Neben dem Feuer] trägt. Die Beurteilung war wieder unterschiedlich. Es gab Kritiken, die den Stadtstreicher keines Wortes würdigten, andere stellten die Landschaftsbilder in den Vordergrund, und wieder andere erkannten auch im figürlichen Werk einen bedeutenden Fortschritt des Malers. „Baron László Mednyánszky, einer der Größten der Kunsthalle, nimmt mit zehn Bildern an der Ausstellung teil, wovon drei im ersten Saal ausgestellt sind. Dieses große Künstlertalent packt uns auch diesmal mit seinen wundervollen Farben, mit seinen wunderbaren, geheimnisvollen, stimmungsvollen Landschaftsbildern. Die Bilder Est [Abend], Esős éj [Regnerische Nacht], Őszi eső [Herbstregen], Tél [Winter], Havas [Alpe] sind lauter Juwelen von Mednyánszkys Kunst. Ein interessanter Versuch ist sein Bild mit dem Titel Tűz mellett [Neben dem Feuer], das einen rastenden Stadtstreicher darstellt. Dieses Bild kongruiert mit der Persönlichkeit des Malers keineswegs, und die Gestalt des Stadtstreichers ist auch etwas verzeichnet. Der Hintergrund aber ist auch hier schön" - schrieb beispielsweise Elek Magyar. 57 Nyitray dagegen hoffte auch auf den Erfolg des Stadtstreichers: „Im selben Saal hängen einige Bilder von Mednyánszky, unter ihnen ein figürliches. Seine Landschaften sind auf die selbe Weise dargestellt, die wir von ihm kennen, und diesmal kann das Publikum an seinem geistreich hingeworfenen, sich an einem Feuer wärmenden Stadtstreicher sehen, wie eigenartig, originell dieser interessante Meister ist, der seine eigenen Wege geht, dessen Kunst so sehr sein eigen ist, dass ihn niemand ungestraft nachahmen kann" 58 {Abb. 7). Es gab mehrere Kritiker, die das Gefühl hatten, dass sich Mednyánszky nur noch wiederholen könne: „Mednyánszky stellte einige, natürlich jeweils an einem Ehrenplatz plazierte Bilder aus. So viel genügt auch. Er stellte sie aus, wir bewunderten sie, wie im Falle seiner früheren Bilder. Sie stehen auf dem gleichen Niveau, und nichts weiteres, ich könnte sagen: es sind dieselben. Niemand von den Alten brachte etwas neues" - meinte Károly Sztrakoniczky. 59 Eine ähnliche Meinung hatte auch der Kritiker der Zeitung Egyetértés: „Die vielen Maler, deren Bilder das Publikum seit vielen Jahren besichtigt, bleiben immer dieselben. [...] Die Kunsthalle scheint eine einzige große Bahre zu sein, auf der die schönen Verstorbenen liegen, [...] auch die interessanten alten Persönlichkeiten, als würden sie sich zum furchtbar nivellierenden Durchschnitt glätten, der diesen Sälen beigekommen ist. Als wenn auch die, die vor kurzer Zeit noch die Gestalten der schaffenden Energie gewesen sind, jetzt eine bequemere Art der Malerei treiben würden. Sie haben ihre individuellen Eigenschaften mit Manier vertauscht, und ihre Malerei ist nichts anderes, als das Verdünnen dieser Manier mit einigen Farben. Sehr traurig auffallend ist dies auf den Leinwänden von László Mednyánszky. Die Qualität des Malers hat sich nicht verändert, auch die Größe besteht weiter, jedoch gibt es in der Geltendmachung dieser Qualitäten und Eigenarten eine Art von einer sich senkenden Richtung, einem Abwärtstrend. Die Charakteristika von Mednyánszky kommen nicht wegen der Malerei zur Geltung, sondern jedes Bild ist ein großes Wollen, den Mednyánszky-Typ heraus ragen zu lassen. Nunmehr reproduziert auch Mednyánszky sich selbst, und auch in seinen Bildern ist es dieser peinliche Stillstand, diese reizlose unveränderliche Konstanz, die die Kunst suchenden Seelen mit Langeweile füllen. Ich bin mir nicht sicher, ob anhand dieser Ausstellung seine künstlerische Ehrlichkeit, der oft angesprochene, vernünftige Konservatismus zu verteidigen ist? Ich möchte fragen: ist es ehrenhaft, das wohl eingeübte Malerhandwerk als Kunst zu preisen, und ist es nicht ehrenhaft, neue Wege zu gehen, um jeden Preis sich entwickeln zu wollen, selbst dann, wenn diese Bestrebung in Extreme überschlägt?" 60 Zwar zählt man den Verfasser des Artikels, Imre Déri, nicht zu den bedeutenden Kritikern seiner Zeit, doch ist sein Standpunkt beachtenswert, denn offensichtlich wandte er sich gegen die Leistung der Kunsthalle, gegen die sich formenden Avantgarde-Bestrebungen, und dadurch auch gegen Mednyánszky. Der von Rezső Bálint geschriebene Artikel in der Zeitschrift^ Ház war hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Mednyánszky und der modernen Kunst sehr wichtig. Den Verfasser, wie das Blatt selbst, hielt man für Anhänger der modernsten Kunstbestrebungen. Die im Artikel geforderte Bereitschaft zum Verstehen, zum Anerkennen seiner Qualitäten war zur Zeit seiner Publikation eine unübersehbare Geste des guten Willens. „Mit voller Liebe möchte ich die besondere malerische Bedeutung László Mednyánszkys, eines unter uns lebenden Menschen erklären. Ich möchte seinen einsamen Weg nicht mittels einer überlegenen Kritik oder Wertbestimmung angehen, sondern durch ein verständnisvolles, inniges Bekenntnis. Denn sein Weg ist einsam, trostlos, voller Mysterien. [...] Seine gemalten Werke führen uns weder zum Leben, noch zur Natur. Sie reichen viel weiter. Sie eröffnen uns die Perspektiven einer fast transzendentalen Welt, jenseits der Materie. [...] Fern von der Materie, in seiner mittels Lyrik und Musik begleiteten Vorführung, bringt er uns die Tiefe hinter der Leinwand bei. [...] Er ist ein Künstler, der die physischen Grenzen des Menschen meilenweit überschreitet, der seiner Mission bewusst ist. Er enthüllt in ihrer Tiefe die Substanz der Kunst. Er gewährt eine Kunst, die von den Großen, den universellen Empfindern gewährt wird: die erlösende, befruchtende Kunst." Nach der Meinung von Rezső Bálint könne die Leistung von Mednyánszky also an der universellen, die Substanz enthüllenden „großen" Kunst (oder, dem Ausdruck von Lajos Fülep entsprechend: an der „absoluten" Kunst) gemessen werden. Aus diesem Aspekt interpretiert er auch Mednyánszkys ausgestellten Stadtstreicher. Er sieht darin kein „Malerproblem", sondern eine Lebensweisheit, Philosophie: „Ein Stadtstreicher, ein Niemand, der nur so dasitzt und glotzt. [...] Wohin schaut er 12 László Mednyánszky: 1915. március [März 1915], ausgestellt im Winter 1915/1916, im Museum der Bildenden Künste, Budapest (Verbleib unbekannt, Repr. Művészet, 1915. 434)