Markója Csilla szerk.: Mednyánszky (A Magyar Nemzeti Galéria kiadványai 2003/2)

Das Leben und die Kunst von László Mednyánszky, mit besonderer Rücksicht auf die Periode vor - Katalin Geller: „Wir sollten uns aus dieser Welt der Sinnestäuschungen immer mehr heraushalten"

KATALIN GELLER „ Wir sollten uns aus dieser Welt der Sinnestäuschungen immer mehr heraushalten" 1 Mednyánszky - gesehen mit den Augen der Zeitgenossen: der Maler-Philosoph l Odilon Redon: Buddha, Pastell, 90 x 73 cm (Paris, Privatbesitz) „Wanderphilosoph" und „fahrender Maler" - so wird Mednyánszky am häufigsten im Roman Fuimus sei­nes Bewunderers und Freundes Zsigmond Justh genannt, der in einem seiner Artikel behauptete, die Malerei Mednyánszkys sei von Philosophie erfüllt. 2 „Er war es, der uns mit hinduistischen und spiritistischen Lehren bekannt gemacht hat, und zwar in einer so ansprechenden und spannenden Weise, dass man dem unmöglich widerstehen konnte" - schrieb ein Malerkollege, István Csók. 3 In anderen Erinnerungen wird er ebenfalls auf diese Weise verewigt: „Sie führten ein Gespräch über dies und jenes, vielleicht eben über Mednyánszkys Lieblingsthema, Buddha, oder über die jüdischen Propheten". 4 Ein herausragender Meister des französischen Symbolismus, Odilon Redon „erwähnte einmal, dass er unse­ren Mednyánszky, noch in dessen jungen Jahren, in Fontainebleau kennen gelernt hatte und ihn eine interessante Persönlichkeit mit einem Hang zum Philosophieren fand." 5 Dieser Satz aus den Erinnerungen des ungarischen Malers József Rippl-Rónai verweist auf die Ideengemeinschaft Mednyánszkys und Redons, der sich in seiner ersten Schaffensperiode auch als Philosoph und Dichter definierte (Abb. 1). Redon äußerte sich über seine Lieblingsmaler in ähnlichem Sinne, so nannte er Jean-François Millet eine „seltene Erscheinung", weil er in ihm die Verkörperung der Einheit des Malers und Denkers sah. 6 Unter anderen zeigen auch diese Hinweise, dass Mednyánszky den modischen Ideen der Zeit, die in erster Linie bei den Symbolisten in Erscheinung traten und in eine andere Region des Denkens über Kunst führten, sehr zuge­tan war. Die seit Ende der achtziger Jahre zunehmend erstarkte symbolistische Bewegung trat mit dem Anspruch auf eine Kunst mit philosophischer, religiöser und moralischer Grundlage auf. Die Künstler forschten in Literatur, Musik und bildender Kunst mit beinahe religiösem Eifer nach irgendeiner erlösenden Idee. In Intellektuellen- und Künstlerkreisen waren in Frankreich die Beschäftigung mit dem Neuplatonismus, der zeitgenössischen Philosophie, dem Sozialismus, der Theosophie oder dem Spiritismus mit den lebens- und kunstphilosophischen Bestrebungen unentwirrbar verflochten. Die Nabis (Pierre Bonnard, Edouard Vuillard) studierten sonnabends im „Tempel" die Schriften von Plotin, die Hymnen von Zarathustra und lasen mystische Literatur. Paul Sérusier hatte zum Beispiel eine Vorliebe für die Werke von Emanuel Swedenborg, einem Mystiker und Erneuerer der okkultistischen Ideen aus dem 18. Jahrhundert. Paul Ranson, der seine Gemälde aus orientalischen und westlichen religiösen Symbolen aufbaute, war in erster Linie von Edouard Schures Buch (Les Grands Initiés, 1889) begeistert. 7 Auch dies war ein Aufruhr, nicht die Revolution der Form, sondern die des Denkens, der Ideen, die sich genauso zu einer internationalen Bewegung entfaltete wie die verschie­denen Erscheinungsformen des Realismus und des Naturalismus, oder der Jugendstil. Unter den zahlreichen mystischen Theorien, die den Symbolismus begleiteten, war eine der wirkungsreichsten die Theosophie: Sie beeinflusste die Tätigkeit von herausragenden Meistern. Der belgische Symbolismus wird neuerdings voll und ganz von der Bewegung der französischen Rosenkreuzer, den Ansichten von Joséphine Péladan hergeleitet. 8 Die Anerkennung der Wirkung der Theosophie ist dem Umstand zu verdanken, dass ihre Rolle bei der Entstehung der Abstraktion, in der Kunst von Wassily Kandinsky, Piet Mondrian und Frantisek Kupka erkannt wurde. 9 Diese Ideen waren auch im Familien- und Freundeskreis Mednyánszkys bekannt, in der engen Gesellschaft, die im Schloss Strázky (Nagyőr, Nehre) zusammenkam und deren zentrale Figur der Ökonom und Philosoph István Czóbel, der „theosophische Denker" war. 10 Seine auf Deutsch veröffentlichten umfangreichen Bücher lassen seinen weiten geistigen Horizont erkennen. Das Schloss Strázky in dem Mednyánszky aufwuchs, blieb auch später sein bevorzugter Aufenthaltsort, aus den Tagebüchern von Nándor Katona geht hervor, dass der Maler, der sich ab 1897 zum Buddhismus bekann­te, zur Meditation hierher zurückzog." Zu dieser eigenartigen geistigen Werkstatt gehörten außer Mednyánszky auch der Schriftsteller Zsigmond Justh und die Dichterin Minka Czóbel. 12 Das Interesse und die Bildung dieses oberungarischen Aristokratenkreises, zu dem zuvor auch Freimaurer gehört hatten - erstreckte sich auf alle geis­tigen und künstlerischen Strömungen der Zeit. 13 In der Bibliothek des Vaters der Dichterin Minka Czóbel - eines Anhängers des Evolutionismus - reihten sich Bände von Darwin, Haeckel, Spencer sowie von Geoffroy-St.-Hillaire und Lamasch aneinander. Zsigmond Justh beschreibt seine Freunde in seinem Schlüsselroman, dem Fuimus, mit Mitteln des psychologischen Naturalismus. Er kannte zwar die künstlerischen Strömungen seiner Zeit, aber

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