Markója Csilla szerk.: Mednyánszky (A Magyar Nemzeti Galéria kiadványai 2003/2)

Das Leben und die Kunst von László Mednyánszky, mit besonderer Rücksicht auf die Periode vor - Katalin Geller: „Wir sollten uns aus dieser Welt der Sinnestäuschungen immer mehr heraushalten"

irgendwelche Neigungen zu mystischen Lehren sind weder in seinen Pariser noch in seinen in Ungarn geführten Tagebüchern zu erkennen. Umso mehr war davon seine Freundin, die Dichterin Minka Czóbel berührt, die in den Bann des Symbolismus und des Buddhismus geriet. 14 Im Schloss Strázky verkehrten auch weitere „Suchende", wie der Grafiker Viktor Olgyai (1870-1929), der laut Zeugnis von Zoltán Felvinczi Takács unter dem Eindruck Czóbels zum Theosophen geworden ist. 15 Olgyai verbrachte auf Einladung Mednyánszkys im Sommer 1895 längere Zeit im Schloss, wo die Entfaltung seiner mystischen Ideen außer durch Czóbel vor allem durch die Lektüre von Joris-Karl Huysmans, einem der hauptsächlichsten französischen Vertreter des Mystizismus und des Okkultismus, beeinflusst wurde. Von den 1910er Jahren an beschäftigte er sich, wie fast alle Mitglieder des Kreises, mit dem Buddhismus. Justh beschrieb das ausgehende 19. Jahrhundert als eine Zeit der Dekadenz, schilderte die Klasse des Adels als eine überfeinerte, kranke, müde Rasse, die er mit einem dünnwandigen venezianischen Glas verglich. Mednyánszky, Justh und Czóbel erwarteten die Erhebung des Landes vom Volk und unterstützten den Nazarenismus, der im Landstrich der Tiefebene um sich griff. Die Beschäftigung mit dem Volk, die Suche nach verschiedenen Reformen traten in den Schriften des Tolstoianers Jenő Henrik Schmitt in Erscheinung, in seiner verbotenen Zeitschrift Allam nélkül, vermengt mit anarchistischen Ideen. In diesem Kreis wurden der Symbolismus, der mystische und theoso­phische Züge aufwies, und der Buddhismus gleicherweise um eine individuelle Bedeutung bereichert. Justh schrieb über Minka Czóbel als eine Dichterin der „sehnsuchtslosen Glücklichkeit", des reinsten Glücks, die eben in ihrer buddhistischen „Philosophie ungarisch war". 16 Im Vergleich zum belgischen Symbolismus besteht das spezielle Unterscheidungsmerkmal der mittel- und osteuropäischen Ausprägung dieser Richtung in der engen Verflechtung von Theosophie und Mystizismus mit gesellschaftlichen Fragen, aber auch darin, dass diese zum integrierenden Teil des tolstoianischen Messianismus geworden ist. Justh charakterisierte Mednyánszky als einen „modernen Sokrates", und seine Pariser Vorstadtfreunde nannten ihn einen „bon vieux chiffon", einen guten alten Lumpensammler. 17 In seiner Person erstanden die Bettler­Philosophen von Velázquez zu neuem Leben, nicht nur als Sujet, sondern auch umfunktioniert zur Lebensrolle und Lebensphilosophie des Künstlers. „Mednyánszky, der Theosoph" Die Zuweisung an Schulen und Stile hat sich im Falle von Mednyánszky als sinnlos erwiesen, die Bearbeitung seines Schaffens als Stimmungs- und Seelenmalerei erfordert aber die Analyse seiner schriftlich festgehaltenen Gedanken, die Erschließung des „Philosophen" Mednyánszky. Wie Jusths Schriften nur auf eine, mit seinem eige­nen Dekandenzerlebnis gemeinsame Schicht von Mednyánszkys schöpferischer Persönlichkeit ein Licht werfen, so verweisen auch die Studien zu den Aufzeichnungen des Malers nur auf die Quellen seiner Gedankenwelt. Die Analyse der theosophischen Anregungen ist aber auch selbst nichts mehr als die Verfolgung eines einzigen Fadens, nur ein möglicher Ansatz zur Erfassung der Mednyánszky-Erscheinung. Diese Anregungen hatten aber, wiewohl hier­zulande kaum beachtet, in der ungarischen Kunst eine ebenso bedeutende Rolle gespielt wie in anderen europäischen Ländern. Die neuen Ideen sind in Ungarn meist in ikono­graphisch wie formal traditionellen Werken in Erscheinung getreten. Neueste Analysen haben aus vielfach für vereinsamt gehaltenen Lebenswerken des Jahrhundertbeginns, aus der zerfallen und inkohärent betrachteten Geschichte der Jahrhundertwende Züge herausgearbeitet, die keine Stilsuche, sondern den Anspruch auf die Formulierung von Lebensphilosophien bezeugen, wodurch in künstlerischer Hinsicht weit auseinanderste­hende Künstlerpersönlichkeiten wie Tivadar Csontváry Kosztka oder die Meister der Schule von Gödöllő mit der Malerei Mednyánszkys verbunden werden. In der früheren Literatur wurde vor allem der Buddhismus Mednyánszkys hervogehoben. Dies lag unter anderen daran, dass der vollständige Text seiner Tagebücher nicht bekannt war. Unter den neu veröffentlichten Tagebuchauszügen, die wir Csilla Markója verdanken, gibt es aber auch solche, die theosophische Bezüge haben. 18 Da die ungarische Kunstgeschichte wenige Bearbeitungen der Theosophie kennt, ist es vielleicht angebracht, den Begriff zu definieren. Theosophie (griechisch) bedeutet „göttliche Weisheit" (Theos - „Gott", Sophie - „Weisheit"). Es ist eine Philosophie, die aus verschiedenen Religionen schöpft und sich mit dem Verhältnis von Mensch und Gott befasst. Nach dieser Lehre durchdringt Gott alles, jedes individuelle Leben ist seine Differenzierung, anders formuliert ist es „Gottes Selbsterkenntnis im Menschen". 19 Die Theosophie enthält hinduistische und buddhistische Elemente (die Theosophen glauben an die Reinkarnation), ferner gnostische Lehren. Die Theosophen berufen sich häufig auf Schriften von Bernhard von Clairvaux, Thomas von Aquin, auf die Evangelien oder auf Piaton. Sie betrachten die Bewegung der Rosenkreuzer und die esoterischen Werke von Eliphas Levi (Pseudonym: Alphonse Louis Constant) als ihre Vorläufer. Die Grundsätze der Theosophie hat Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891) nach ihrer Reise in den Tibet nieder­gelegt. Ihr erstes wirkungsvolles Werk (The Secret Doctrine, 1888) ist ein eigenartiges Gemisch von okkulten Lehren, dem Hinduismus und dem Buddhismus, in dem auch zahlreiche Elemente des Gnostizismus zu entdecken sind. Madame Blavatsky gründete 1875 in New York zusammen mit Henry Steel Olcott (1832-1907) die Theosophische Gesellschaft mit dem Ziel, die universale Bruderschaft ins Leben zu rufen, die archaischen Religionen zu studieren, ferner die Naturkräfte zu erkennen und die verborgenen Energien des Menschen freizusetzen. 20 Sie hatte zahlreiche Nachfolger, unter diesen übten auf die Kunst Annie Besant (1847-1933) und Charles Webster Leadbeater (1847-1934) die größte Wirkung aus. Eine Abzweigung ihrer Lehren war die Anthroposophie von Rudolf Steiner (1895-1986). Manuskriptseite aus Mednyánszkys Tagebuch mit theosophischen Symbolen (UNG, Datenarchiv, Inv.-Nr. 19753/1977)

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