Póczy Klára: Forschungen in Aquincum 1969- 2002 (Aquincum Nostrum 2. Budapest, 2003)
6. Die Wirtschaft Aquincums im Spiegel der neuen Funde - 6.1. Lokales Gewerbe und Handel (Klára Póczy, Paula Zsidi)
Stätten zurück, doch die Freude am Tragen dieser Schmuckgegenstände verlosch nie ganz. Nach den Markomannenkriegen allerdings mussten sie ihren Platz in der Schmuckmode an den in erster Linie aus Germanien und auch Italien kommenden Gagatschmuck abtreten (BUORA 2001, 16, ALLASON-JONES 2001, 244). (Abb. 11.) Ebenso holte man sich die Kopien klassischer Werke der Bildhauerkunst nach Aquincum, und zwar als Dekoration für prächtige öffentliche Bauten oder als Einrichtungsgegenstände reicher Privathäuser. Diese Werke wurden - im Gegensatz zu den Arbeiten der lokalen Werkstätten - meist aus wertvollerem Material wie Marmor angefertigt. Unter anderem eine Minerva-Büste (ZSIDI 1993/1, 190, Nr.ll.), die - vermutlich römische - Kopie einer hellenistischen Hygieia- Skulptur (SZIRMAI 1999/2, 34-35) sowie ein Marmorkrater (T. NAGY 1971/3) repräsentieren die Reihe dieser Gegenstände. Auch die einen Jüngling (Apollo?) darstellende Arbeit einer Steinmetzwerkstatt in Virunum gelangte so nach Aquincum, wo sie eines der Amphitheater schmückte (T. NAGY 1971/3, 130, Abb. 49). Den größten Absatzmarkt innerhalb der lokalen Handwerkproduktion hatte die Keramikindustrie. Die Töpferwaren der beiden großen WerkstätAbb. 10. Bronzene Amorstatuette, Import 2. fh., aus der Zivilstadt ten der Zeit (die Werkstatt der Legion und die Manufaktur am Donauufer nahe dem Municipium) entsprachen nicht mehr nur den breitesten lokalen Bedürfnissen, sondern diese Töpfereien produzierten auch bereits exportfähige Prunkgefäße. Bezeichnend für die beiden wichtigen Werkstätten dieser Periode ist, daß sie sich nicht auf einen einzigen Handwerkszweig beschränkten, sondern hier wurden Produkte verschiedener Art hergestellt. In der Werkstatt der Legion produzierte man — wie zu sehen sein wird - außer Keramik noch Gläser, und die Manufaktur der Zivilstadt befasste sich zusätzlich mit Kalkbrennen und Beinbearbeitung. In der südwestlichen Region der Militärstadt von Aquincum, nahe am Wasser und in der Nähe der Tongruben sowie einer Hauptverkehrsroute, erstreckte sich das Handwerkerviertel der Legion (heute Bécsi út 124-128) (PARRAGI 1971/1, PARRAGI 1976/2), das neben Haushalts- und Prunkgefäßen auch Ollampen bzw. für die legio II Adiutrix Ziegel und Baumkeramik (Tonröhren für Wasserleitungen, Bodenziegel usw.) produzierte. Diese Manufaktur nahm ihre Tätigkeit bereits Ende des 1. Jahrhunderts auf, und der Betriebsteil für Zierkeramik arbeitete bis zur Herrschaftszeit des Antoninus Pius. In den Motiven ihrer Prunkgefäße spiegelte sich anfangs der italische, später dann der gallische Einfluss wider. Bei der Freilegung fand man in der Werkstatt nicht nur Fertigwaren sondern auch Stücke ihrer Einrichtung bzw. Ausrüstung, wie zum Beispiel eine Formschüssel zur Herstellung reliefverzierter Keramik, Stempel, Werkzeug zum Glätten der Gefäße usw. Erhalten blieben ferner ein Fragment von einem NamenStempel (.CAE. /.BINL.) sowie das Negativ einer Öllampe mit dem Stempel VRSVU 5 (Abb. 12.) 15 Die Werkstatt des auf dem Lampenmodel verewigten Töpfers war laut neuere Forschungen wahrscheinlich in Poetovio (J. Istenic, Poetovio, the Western Cemeteries I. Grave Groups in the Landesmuseum Joanneum, Graz. Ljubljana 1999, 194—195). Das in Aquincum gefundene Negativ deutet auf eine offizielle Beziehung zwischen den beiden Werkstätten hin. Zugleich aber läßt ein in Form, Abmessung und Ausführung identisches Negativ vom Fundort Gasfabrik, an dessen unterem Teil das Namenzeichen herausgekratzt war, vermuten, daß die Manufaktur der Zivilstadt illegal in den Besitz des Lampenmodels gelangte (S. Anm. 8).