Budapest Régiségei 34. (2001)
STUDIEN = TANULMÁNYOK - Ronke, Jutta: Eine Freiermord-Szene in Raetien? 223-234
plaziert sind, daß eine entsprechende Haltefunktion wenig wahrscheinlich, ja eigentlich undenkbar scheint. Auch hier befremdet wieder die Darstellung der Arme - die angesichts des von ihnen gebildeten langgeschwungenen Bogens schon unter dem Blickwinkel der Anatomie wenig zu befriedigen vermögen. Die Figuren wirken leicht dreieckig zugespitzt und sind roh in einer Art Kerbschnitt-Technik ausgeführt. Dies gilt besonders für den Kleineren (Abb. 6). Wie aus der Betrachtung der Gewänder resultiert, fehlt es dem Bildhauer einerseits an der Fähigkeit, die Relation Körper-Gewand zufriedenstellend wiederzugeben, und zum anderen daran, Körperteile organisch miteinander zu verbinden. ///. CHARAKTERISIERUNG DER FREIERMORDSZENE IN DER ANTIKEN KUNST UND LITERATUR Von den 17 im LIMC 28 zusammengestellten konkreten Beispielen für das blutige Geschehen ist eines lediglich literarisch überliefert: Pausanias beschreibt als bloßes Faktum eine Freiermord- Darstellung im ummauerten Apollon-Bezirk bei der Quelle Peirene in der Nähe des korinthischen Hafen Lechaion. 29 Stellvertretend für die 8 Vasendarstellungen sei der campanische Glockenkrater des Ixion-Malers aus dem letzten Viertel des 4. Jh. v. Chr. im Pariser Louvre näher betrachtet. 30 Auf zwei Bankett-Klinen lagern 12 unbärtige, in unterschiedlichen Zuständen bzw. Aktionen begriffene Freier: getötet, verwundet oder die Pfeile des Odysseus abwehrend. Eine entsprechende Konstellation klinengelagerter Freier findet sich u.a. auf einem sog. homerischen Becher in Berlin aus der Mitte des 2. Jh. v. Chr. Die Gruppe ist sogar inschriftlich als "mnesteres'7 ur|arripr|C bezeichnet. 31 Auf der rechten Gefäßhälfte, vor einer geöffneten Tür, begegnen der mit einer Keule kämpfende Sauhirte Eumaios, Odysseus selbst und Telemachos, der mit einem großen Schild bewehrt ist. Waren die bisher genannten Monumente unter ikonographischem Aspekt relativ unergiebig, können wir dagegen vom Heroon von Gjölbaschi-Trysa 32 schon allein in Anbetracht des Darstellungsumfangs erschöpfendere Auskunft erwarten. Erbaut wurde es in einem unzugänglichen Bergland fernab der griechischen Hochkultur. 33 Zahlreiche Stilelemente der Reliefs von Gjölbaschi-Trysa haben die griechische Kunst der 2. Hälfte des 5. und des frühen 4. Jh. v. Chr. zur Voraussetzung, in Einzelmotiven besonders Grabund Urkundenreliefs der 80er Jahre des 4. Jh. v. Chr. Demnach dürfte das Heroon zu Beginn des 4. Jh. v. Chr., in den Jahren zwischen 380/ 70 v. Chr., entstanden sein. 34 Die Südwand innen, rechts des Tores, zeigt im oberen Friesband den Freiermord durch Odysseus, 35 in dessen heimischem Palast auf Ithaka die Szene getreu der literarischen Vorlage spielt. Links befinden sich Penelope und die Dienerinnen, dort ist also das Frauengemach dargestellt. An der rechten Friesseite sichtbar, ist es durch eine halbgeöffnete Tür mit einem ersten Raum verbunden, einem großen Saal, in dem Odysseus nicht so sehr als Rächer denn als Vollstrecker göttlichen Urteils 36 das unabwendbare Schicksal der Freier vollzieht. Im anschließenden Frauengemach steht Penelope 37 an einem kleinen Tisch. Sie überragt ihr Gefolge beträchtlich. Vor ihr befindet sich die alte Amme Eurykleia, auf die zwei Dienerinnen folgen. Die Arme erschrocken erhoben, flieht die illoyale Magd Melantho. 38 Mit Schwert und Fackel in den Händen eilt der treue Schweinehirt Eumaios zur Tür, durch die ein Mundschenk flieht. Im großen Saal steht Odysseus und zielt mit dem (einst gemalten) Bogen auf die Gestalten der Freier, die auf Klinen lagern. Hinter ihm zückt Telemachos das Schwert. Die Freier feiern, wie durch den vor ihnen befindlichen Krater angedeutet, gerade ein Gelage und fahren beim Anblick des zurückgekehrten Hausherrn in Panik von ihren Klinen empor. Mit Speisetischchen und Gewändern versuchen sie, sich vor den Pfeilen zu decken. Einer ihrer Anführer, Eurymachos, fleht mit erhobenen Armen um Gnade. Antinoos, ein weiterer Anstifter und Rädelsführer, ist auf die Kline zurückgesunken. Seine Hand greift zum Nacken, an die Stelle, die durch den Pfeil getroffen wurde, die Trinkschale ist seiner Hand entglitten und zu Boden gefallen. 39 Motivisch und typologisch Vergleichbares begegnet im Bereich der Reliefskulptur vor allem auf den Nebenseiten von Sarkophagen. Genannt seien hier ein antoninisches Fragment in St. Petersburg (Abb. 8) sowie ein Fragment ehem. im römischen Privatbesitz, 40 das L. Curtius im Zusammenhang mit FreiermordDarstellungen ausführlicher vorstellte. 41 Festzuhalten gilt, daß die zweite, in Ithaka spielende Hälfte der Odyssee durch Szenen rund um das Erkannt- oder Nicht-Erkanntwerden des Odysseus akzentuiert ist. Er war von Athena in einen alten, lumpigen Bettler verwandelt worden, einen nahezu ausgegrenzten gesellschaftlichen Sonderling und Einzelgänger. Aber eben diese Verkleidung sichert ihm auch jene Anonymität, die er benötigt, um das Vorgehen gegen die seine Frau Penelope belagernden Freier zu planen und in die Wege zu leiten - dem bekanntlich letzten Hindernis, das seiner Heimkehr noch entgegensteht. Eine Beschreibung der Vorgänge, die mit dem Ziel ablaufen, sich der Freier endgültig zu entledigen, liefert uns die Odyssee. 42 Welche Angaben lassen sich nun demgegenüber bzw. ergänzend hierzu den Bildquellen entnehmen? Nachweislich dürfen die folgenden fünf Kriterien für die Saalschlacht-Szene als konstitutiv angesehen werden: - auf Bankett-Liegen lagernde Männer, die sich der Pfeile des Odysseus durch all das zu erwehren suchen, was ihnen hierfür gerade so zur Verfügung steht: Gewänder, Möbel (speziell Tische/ Hocker) und sonstige Ausstattungsgegenstände des Tatortes wie Wandteppiche und ähnliches mehr; - eine über- und untereinander gestürzte Menge 225