Budapest Régiségei 34. (2001)

STUDIEN = TANULMÁNYOK - H. Kérdő Katalin - Póczy Klára - Zsidi Paula: Eine fragliche Marmorstatue aus Aquincum 147-155

KATALIN KERDO — KLARA POCZY—PA ULA ZSIDI EINE FRAGLICHE MARMORSTATUE A US AQUINCUM Vor einigen Jahren berichtete meine Kollegin Margit Németh anlässlich des Bonner Kolloquiums über ein Relief. Ihr Vortrag trug den Titel "Ein verschollenes Relief aus Aquincum". 1 Das eine liegende Nymphe darstellende Relief ist nur noch aus Schriftquellen bekannt, der Stein selbst blieb nicht erhalten. In diesem Fall möchten wir eine Statue vorstellen, die Jahrzehnte hindurch, ja vielleicht sogar jahrhundertelang, sozusagen "vor aller Augen" und der Literatur bis 1955 dennoch unbekannt war. Die Geschichte unserer Statue ähnelt - wie Sie hoffentlich sehen werden - ein wenig der Geschichte des oben erwähnten Reliefs. Was die beiden Kunstdenkmäler außerdem verbindet, ist die Tatsache, daß es sich um zwei sehr früh wieder zum Vorschein gelangte, außergewöhnlich niveauvolle Werke der römischen Kunst aus Aquincum handelt. Im Band 16 der Reihe Budapest Régiségei (Budapester Altertümer) erschien 1955 das ganzseitige Foto einer Marmorstatue, die eine sitzende, klassische Züge zeigende Frauengestalt darstellte. 2 Auffallend war, daß die knapp gehaltene Beschreibung der Statue in keinem Verhältnis zum Umfang der Illustration stand. Doch aus dem Text von János Szilágyi geht her­vor, was hinter diesem Widerspruch steht: "Unser Museum bewahrt diese sitzende - vielleicht antike ­Statue aus weißem Marmor, die das Lukács-Bad in Budapest schmückte, nur vorübergehend auf. Ihre Herkunft kennen wir nicht. Wir überlassen die Statue vortrefflicher Ausführung der Antikenabteilung des Kunsthistorischen Museums in Budapest, weil sie wahrscheinlich außerhalb von Pannonién zum Vorschein kam." Dieser wortkargen Information fügte er einige Angaben als Anmerkung bei: "Die in bedeu­tenden Details ergänzte Statue ist 127 cm hoch. Es war Erwin Seenger, der unsere Aufmerksamkeit auf das den schädlichen Einwirkungen der Dämpfe ausge­setzte Kunstwerk lenkte." Erwin Seenger, jahrzehntelang Abteilungsleiter im Kiscelli Museum des Historischen Museums der Stadt Budapest, 3 war zweifellos einer der Kunsthistoriker mit dem sichersten Auge, Gespür und Wissen seiner Zeit und darüber hinaus die erste Kapazität auf dem Gebiet der barocken und klassizistischen Skulpturen. Es verwundert also nicht, daß die Statue mit klassi­schen Zügen der Aufmerksamkeit des das Lukácsbad regelmäßig besuchenden Fachmanns nicht entging, der davon auch den Direktor des Aquincum Museums umgehend in Kenntnis setzte. János Szilágyi, der damalige Direktor des Museums, erkannte die künst­lerische Qualität der Statue an und ließ sie nach Aquincum bringen. Da er jedoch ihre Ausführung, ver­glichen mit den Steindenkmälern von Aquincum, für zu schön bzw. zu gut hielt, kam ihm gar nicht in den Sinn, daß sie in irgendeinem Gebäude in Aquincum gestanden oder daß es in der Hauptstadt von Pannónia Inferior Anspruch auf solch eine Statue gegeben haben könnte. Also brachte man sie zwischen 1955-1956 als klassisches Werk in die Antikenabteilung des Kunsthistorischen Museums in Budapest. Lange verweilte sie dort allerdings nicht. Denn János György Szilágyi, der international anerkannte Experte für antike Denkmäler, untersuchte das Stück bei Gelegenheit näher und stellte fest, daß es eine nach einem griechischen Original gearbeitete römerzeitliche Kopie ist, die man als solche, vermutlich über Handelsbeziehungen, auf Bestellung nach Aquincum gebracht hatte. Aufgrund dieser Erwägung gelangte "die Sitzende" wieder ins Aquincum Museum zurück. 4 An dieser Stelle muß zur Entschuldigung János Szilágyis gesagt werden, daß es aus Aquincum, gemessen an den von lokalen Werkstätten in Massen produzierten Steindenkmälern, nur sehr wenig mar­morne und unter diesen noch weniger klassische Vorbilder nachahmende Skulpturen gibt. Das be­kannteste Beispiel ist der im Ungarischen National­museum aufbewahrte, Mitte des 2. Jahrhunderts nach hellenistischem Muster geschaffene Hygieiakopf, der beim Parlamentsgebäude aus dem Bett der Donau geborgen wurde. 5 Von einer authentischen Fundstelle stammt das Torsofragment eines Satyrs aus Marmor, der einst den Springbrunnen in einem der Peristyle der Zivilstadt zierte. 6 Auch eine Marmorbüste der Minerva kam in der Nähe des Forums der Zivilstadt ans Licht. 7 Die letzterwähnten Stücke gehören zur Kleinplastik. Kehren wir jedoch zu unserer Statue zurück, deren Aufenthalt in Aquincum sich ebenfalls nicht als dauer­haft erwies. Anfang der 1960er Jahre wurde das unter den Stücken der provinzialrömischen Kunst des Lapidariums hervorstechende Werk erneut verbannt. Dieses Mal gelangte es in die Sammlung neuzeitlicher Statuen des in einem ehemaligen Klostergebäude untergebrachten Kiscelli Museums des HMB, wo man es im geschlossenen Innenhof aufstellte. 8 Hier befand sich die Statue etwa dreißig Jahre lang, diesmal wurde sie auch inventarisiert. 9 Anfang der neunziger Jahre ließ Klára Póczy die als Juno bekannte Statue schließlich aus dem Kiscelli Museum zurückholen, und seither kann man sie in der Ausstellung des Aquincum Museums besichtigen. Die "Rehabilitierung" der Statue in Form einer Publikation steht jedoch noch aus. Deshalb sind wir bemüht, hier und jetzt den ersten Schritt zu dieser "Rehabilitation" zu tun. Die Statue zeigt eine annähernd lebensgroße, auf 147

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