Budapest Régiségei 34. (2001)
STUDIEN = TANULMÁNYOK - H. Kérdő Katalin - Póczy Klára - Zsidi Paula: Eine fragliche Marmorstatue aus Aquincum 147-155
einem Thron ohne Rückenlehne sitzende Frauengestalt (Abb. l.a-d). Das Postament, die beiden hinteren Ecken des Throns, die Knie der Figur, ihre rechte Schulter, ihr rechter Arm und linker Unterarm, ihr Hals sowie ihr Kopfschmuck sind spätere, aber künstlerisch anspruchsvolle Ergänzungen. In ihrem gegenwärtigen Zustand fehlen auch die Ergänzungen des rechten und linken Unterarms (Abb. 2). Hals und Körper passen nicht direkt zueinander, obwohl ihre Zusammengehörigkeit wahrscheinlich ist. Als Material diente sowohl für die Originalstatue, als auch die Ergänzungen weißer Marmor. Schon auf den ersten Blick ist die poröse Oberfläche der Originalfigur wahrnehmbar, was darauf hinweist, daß sie den Wetterunbilden lange Zeit ausgesetzt war. Im Bereich der Hüfte und Oberschenkel zeigen sich Risse. Die Oberfläche der Ergänzungen ist wesentlich glatter und ihr Übergang zur alten Figur nahezu vollkommen. Sämtliche Ergänzungen wurden gleichzeitig vorgenommen, lediglich die mit Eisenklammern an der ovalen Basis befestigte untere Marmorplatte mag später entstanden sein. Aber auch die künstlerisch anspruchsvollen Ergänzungen sind stark beschädigt. Die beiden Unterarme fehlen, und parallele Hiebspuren an der Bruchfläche des rechten Unterarms deuten sogar auf mutwillige Zerstörung hin (Abb. 3). Während der gründlichen Reinigung der Statue fanden sich in den äusseren Falten am rechten Bein Reste eines mörtelartigen Bindemittels mit Ziegeleinschlüssen, die eindeutig darauf hindeuten, dass das Stück zu irgendeinem Zeitpunkt eingemauert war (Abb. 4). Einen Teil der Marmordenkmäler von Aquincum hatte man schon früher einer Materialanalyse unterzogen, wobei im Anschluß an eine Salzsäurebehandlung das makroskopische Untersuchungsverfahren angewandt wurde. 10 1997 untersuchte Harald Müller (Institut für Angewandte Geologie, Wien)" das Material dann mit einer neuen Methode, und dieses Mal war auch unsere sitzende Frauenstatue aus Marmor dabei. Vorerst steht allerdings nur das Ergebnis der Materialuntersuchung der Originalteile fest. 12 Demnach ist das Material der sitzenden Statue Marmor aus Thassos, ebenso wie das Material des oben schon erwähnten und für einen Importgegenstand gehaltenen Satyrtorsos aus der Zivilstadt. Das Material der Steinbrüche bei Thassos kam im 2.-3. Jahrhundert vielerorts im Reich zur Anwendung, und in zahlreichen antiken Sammlungen kann man Skulpturen oder Fragmente aus Marmor finden, der von diesem Ort stammt. 13 Die Frage der Werkstatt klärt das natürlich noch nicht. Es ist aber wahrscheinlich, daß unsere Statue aus griechischem Marmor in einer mit klassischen Kunsttraditionen arbeitenden Steinmetzwerkstatt entstanden sein dürfte. Beantwortet werden müssen darüber hinaus noch verschiedene andere Fragen, die im Hinblick auf die Beurteilung der Statue Bedeutung besitzen. Die Kleidung, die würdevolle Haltung sowie der warme, strahlende Blick verraten ihre göttliche Herkunft. Ihr glattes, in der Mitte gescheiteltes Haar umrahmt das Gesicht und ist im Nacken zu einem Knoten gesteckt. Ein Diadem oder Band ergänzten die Haartracht. Den Körper der Göttin bedeckt ein doppeltes Gewand. Unter dem oberen, kunstvoll angeordneten Mantel trägt sie ein Kleid mit reichem Faltenwurf, das oberhalb der Fußknöchel unter dem Mantel hervorschaut. Unter dem Kleid hat der Künstler ihre nicht ganz geschlossenen Knie und die Haltung der Beine angedeutet. Das linke Bein stellt sie leicht nach hinten, und auch ihre aus Bändern bestehende Sandale kann man gut erkennen. Vor allen Dingen müssen wir wissen, wen wir in der Person der Göttin ehren dürfen, die gewiß in der Zelle eines Heiligtums stand. Vermutlich hat man sie genau zu diesem Zweck angefertigt, da ihre Rückseite (Abb. 1 .b) nicht ausgearbeitet, deren Oberfläche jedoch glatt geschliffen war, so daß sie sich exakt und nahtlos an die Wandflucht anschmiegen konnte. Diese Figur wurde nicht als Rundplastik geschaffen, sondern um ihr von Angesicht gegenüber zu treten. Der an der Rückseite sichtbare, die Vorderansicht aber nicht beeinträchtigende grobe Durchstich entstand vermutlich bei der ersten Ergänzung. Leider fehlen gerade jene Teile der Statue, die unmittelbar auf ihre Identität hinweisen würden. Wir kennen weder die ursprüngliche Haltung der Arme, noch ihren ursprünglichen Kopfschmuck, noch eventuell vorhandene Attribute, da das Originalpostament nicht erhalten blieb. Einzig ihre Kleidung und Körperhaltung dienen als Anhaltspunkte. Unter den in sitzender Haltung dargestellten Göttinnen kämen in der ersten Reihe Iuno, Fortuna, Concordia und Abundantia in Betracht. 14 Die Frauengestalt sitzt auf einem Thron ohne Rücken- und Armlehnen. Ahnliche, prächtiger geschmückte Marmorthrone sind aus den Sammlung von Pompeianum in Aschaffenburg bekannt. 15 Die solche Sitzgelegenheiten waren ohne Zweifel Götterthrone, was ein weiteres Argument für die göttliche Abstammung der dargestellten Gestalt darstellt. Wichtigster Aspekt bei unserer Untersuchung war nicht, welche Gottheit man in der Steinmetzwerkstatt nachgeformt hatte, sondern wir sollten in erster Linie die Ansprüche des Auftraggebers untersuchen. Denn beides war nicht unbedingt identisch. 16 Das letztere ist meistens von dem religiösen Leben der unmittelbaren Umgebung des Fundes determiniert, das heisst in unserem Fall von dem religiösen Leben in Aquincum. Sehen wir uns also die von der Ikonographie gebotenen Möglichkeiten an. Dóra Gáspár warf die Möglichkeit auf, daß die Statue - in erster Linie wegen ihrer Kleidung Concordia Augusta darstellt. 17 Zweifellos zeigt unsere Statue mit der aus dem Lararium in Tamási stammenden, ans Ende des 1. Jahrhunderts zu datierenden Bronze-Concordia mehr Übereinstimmung. 18 Allerdings war der Kult von Concordia in Aquincum 148