Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)
REBITSCH, Robert: Der kaiserliche Feldzug in das Herzogtum Holstein im Jahre 1644
Robert Rebitsch Allerdings hoffte auch er noch auf weitere Verstärkung durch kaiserliche und bayerische Verbände.120 Gallas strotzte nicht vor Selbstvertrauen, die Lage jedoch schätzte er realistischer ein als der Kaiserhof, zumal der Feldzug über 650 km (Eger/Cheb - Kiel) ging und die Versorgung ein ungelöstes Problem darstellte. Gallas warnte dabei unermüdlich vor zu weitläufigen Operationen und vor einer Überdehnung der eigenen Kräfte. Die Belagerung Erfurts und eine gleichzeitige Diversion in Hinterpommem, wie es von Hatzfeld vorgeschlagen wurde, waren für den Generalleutnant schlicht nicht machbar. Gallas glaubte nicht nur, mit seiner Armada unterlegen zu sein, sondern er rechnete wiederum mit einer Rückkehr der schwedischen Armee und mit einer Vereinigung dieser und Räköczis Truppen gegen die Erblande. Die Tatsache, dass Leipzig und Erfurt, sowie Glogau, Ohlau und Olmütz/Olomouc noch in gegnerischen Händen waren, bereitete dem Generalleutnant einiges Kopfzerbrechen. Die gegebene Versorgungslage, der Mangel an Koordination mit den anderen Korps (z. B. Hatzfeld) und der Mangel an Durchsetzungskraft seitens des Kaisers und des Hofkriegsrates in Wien, fehlende Reserven, mangelnde Bedeckungen und Sicherungen in den Erblanden, noch immer besetzte Städte und Festungen durch die Schweden in Böhmen und Mähren (so z. B. Olmütz/Olomouc) sowie die von vorne herein pessimistische Lageeinschätzung des Oberbefehlshabers der Feldarmee ließen für den Sukkurs nach Dänemark nichts Gutes erwarten. Wie auch der dänische König der kaiserlichen Kriegführung nicht ganz zu trauen vermochte, war Gallas äußerst skeptisch gegenüber Christian IV., dem er weder Durchhaltevermögen noch Zuverlässigkeit zubilligte.121 Trotz aller Bedenken setzte sich Gallas in Marsch. Kurfürst Johann Georg von Sachsen, der ein nicht allzu hilfreicher Verbündeter für die Kaiserlichen werden sollte, berichtete noch hoffnungsfroh am 18. Juni an Generalfeldmarschall Piccolomini: [...] hiesiger enden gehet nunmehro der herr General-Lieutenant Graff Gallas mit der keyserl. reichshaupt armada nach Nidersachsen fort, der königl. Würden zue Dennemarck, Norwegen, etc. succurss zu leisten, dessen effect negst göttlicher assistenz desto ehender zuehoffenn, dieweil bishero denen Schweden beydes zu lande undt wasser inn Holstein und Jüttlandt das glücke nicht sonders favorabel gewesen, und sie nicht Selbsten durch ihren unzeitigen einfall mehr ruiniret als verstärkett habenn.122 Der als kaisertreu geltende Kurfürst Johann Georg123 versorgte die kaiserliche Armee noch mit Munition, Geschützen und Proviant, Truppen konnte er jedoch aufgrund des permanenten Feinddrucks auf sein eigenes Land keine mehr stellen.124 DBBT VII. Nr. 298, S. 109, Gallas an Piccolomini, Pegau 21. Juni 1644. 121 Vgl. dazu DBBT VII. Nr. 295, S. 107 f. und StOAD, FKG, Ka. 380, Gallas an Ferdinand III., Werdau 18. Juni 1644. I2'~ KA, AFA 1644 VI 29, Ka l 17, Johann Georg an Piccolomini, Dresden 18. Juni 1644. 123 Zum Kurfürsten von Sachsen, dessen Wahlspruch „Ich fürchte Gott, liebe Gerechtigkeit und ehre meinem Kaiser” lautete, vgl. Blaschke, Karlheinz: Johann Georg 1., Kurfürst von Sachsen. In: Neue Deutsche Biographie 10 (Berlin 1974). S. 525 f. 124 DBBT VII. Nr. 298, S. 109, Matthias Gallas an Piccolomini, Pegau 21. Juni 1644. 52