Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)
REBITSCH, Robert: Der kaiserliche Feldzug in das Herzogtum Holstein im Jahre 1644
wie er Gallas am 23. Februar 1644 eröffnete61, mit 4 000 bis 5 000 Mann, wie auch immer, den dänischen König zu entlasten. Mit einer schnellen Vorhut sei Proviant sicherzustellen, an die Havel, also bis nach Brandenburg, zu ziehen und die Elbe zu sichern. Das Problem der Femversorgung war dem Reichsoberhaupt bewusst. Sowohl auf die logistische und taktische Nutzung der Flüsse und Flussübergänge, als auch auf die taktische Nutzung der befestigten Plätze und festen Orte, die im Nachschub und für die Versorgung eine enorm wichtige Rolle spielten, machte der oberste Kriegsherr aufmerksam. Als Vorbild für die kommende Kriegführung gab er das „feindliche Vorgehen“ in den habsburgischen Erbländem an. Die Umsetzung des Feldzuges überantwortete er nun Gallas. Dieser Befehl war der erste, wenn auch wenig konkrete Marschbefehl für seinen Generalleutnant. Bezeichnenderweise rechnete Ferdinand III. in seiner Lagebeurteilung auch mit einem Rückzug der eigenen Truppen und mit einer Rückkehr von Generalfeldmarschall Torstensson nach Böhmen. Tatsächlich marschierte der schwedische Oberbefehlshaber mit seinem Heer im Spätsommer wiederum in Richtung Erblande, wie noch zu zeigen sein wird. Matthias Gallas, der sich seit Mitte Februar in Prag aufhielt, hielt die 4 000 bis 5 000 Mann in seinem Gutachten an den Hof schlicht für ineffizient.62 Gewisse Vorschläge des Kaisers hielt er zudem für nicht praktikabel. Den schwedischen Völkern glaubte er, wie es damals hieß, nicht bastant (ebenbürtig) zu sein, da man ebenfalls Verbände zur Sicherung von Schlesien, Ungarn und für das Korps Hatzfeld brauchte. Insgesamt übersandte der Befehlshaber der Armee - und das nicht zum ersten Mal - eine recht negative Einschätzung des kaiserlichen Plans und der eigenen Lage an die Donau. So war es auch kein Wunder, dass am Hof bereits Gerüchte über ein Abdanken des schon seit Jahren an Podagra (Gicht)63 leidenden Generalleutnants kursierten, wie Ottavio Piccolominis Vertrauter, Giovanni Battista Formarini, aus Wien berichtete.64 Erzherzog Leopold Wilhelm65 sollte nach Der kaiserliche Feldzug in das Herzogtum Holstein im Jahre 1644 61 StOAD, FKG, Ka. 377, Ferdinand III. an Gallas, Wien 23. Februar 1644. 62 Ebenda, Gallas an Ferdinand III., Prag28. Februar 1644, (Konzept). 63 Der überaus neugierige und gut informierte Walter Graf Leslie, einer der Hauptverantwortlichen für die Ermordung Wallensteins in Eger/Cheb, schrieb bereits im Oktober 1643 an Ottavio Piccolomini: „G. Gallas ist schon die 5. woch krankh zu beth, vom potagra, stein undt sandt.“ KA, AFA 1643 X 1, Ka. 116, Leslie an Piccolomini, Ebersdorf 14. Oktober 1643. 64 DBBT VII Nr. 180, S. 75, G. B. Formarini an Ottavio Piccolomini, Wien 23. Februar 1644. 65 Leopold Wilhelm (1614-1662), eigentlich mit mehreren geistlichen Pfründen ausgestattet, kommandierte die kaiserliche Hauptarmada als Oberbefehlshaber von September 1639 bis zum März 1643 und wieder per kaiserliches Patent vom 1. Mai 1645 bis Dezember 1646. Zum Erzherzog als Feldherm vgl. Rebitsch, Robert: Leopold Wilhelm als Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee im Dreißigjährigen Krieg. In: Krijg en Kunst. Leopold Willem (1614-1662) Habsburger, landvoogd en kunstveizamelaar. Hrsg, von Josef Mertens en Franz Aumann (= Tentoonstelling van de Landcommanderij Alden Biesen 3. october-14. december 2003), S. 9-14 und allgemein zu seiner Person Schreiber, Renate: Erzherzog Leopold Wilhelm - Bischof und Feldherr, Statthalter und Kunstsammler. Studien zu seiner Biographie. Wien phil. Diss. 2001. 43